anstoss

  sehpferdvs sehpferds magazin für anstöße und anstößiges
rosinentexte_500_x
Mir klingt in den Ohren etwas nach: Man müsse die Gefühlsäußerungen der Menschen als wertvoll hinnehmen, weil sie doch authentisch seien.

Szenenwechsel: das so genannte „Dritte Reich“. Damen schrieben glühende Liebesbriefe an Herrn Hitler, boten ihm Herz und Seele und (relativ häufig) auch ihren Körper an. Alles authentische Äußerungen von Damen aller Stände und Bildungsschichten.

Mein Misstrauen gegenüber den in manchen Blogs und anderen zeitgenössichen Äüßerungen aufkommenden Gefühlswallungen sind durch diesen Beitrag nicht eben kleiner geworden, wenngleich ich Unterschiede durchaus erkennen kann.

Allerdings ergibt sich daraus eine neue Fragestellung: Darf man, soll man, oder muss man gar in die Öffentlichkeit gebrachte Gefühle kritisieren?

(Die Frage wurde am 25.02.2004 ergänzt, ebenso wurde eine marginale Korrektur an der Aussage vorgenommen).
zeitgenossen meinte am 24. Feb, 22:14:
Und, sind
die Äusserungen von Hitlers Frauen nicht wertvoll? Ist es nicht wertvoll zu lesen, was Sehnsucht heissen kann? Sie müssen davon absehen wertvoll mit werthaltig zu verwechseln. Was hat das mit Gefühlswallungen in blogs zu tun? Keine hier hat sich hingelegt und um des Führers Schwanz gebeten, auch nicht in schöneren Worten. Gefühle können genauso differenziert sein wie irgendwelche Gehirnkotze, die meint gefühllos zu sein, seiens also nicht zu stolz drauf, extra erwähnen zu müssen, dass sie Unterschiede erkennen. Authentisch ist ein Wort, das man erst wieder gebrauchen kann, wenn es genügend Selbsthilfe/Managementbücher darüber gibt. 
sehpferd antwortete am 24. Feb, 22:45:
Zeitzeugnisse sind es wohl ...
Es sind, in der Tat, wertvolle Zeitzeugnisse fehlgeleiteter Gefühle - und damit ergibt sich auch die Parallele zu vielen Blogs.

Herr/Frau Zeitgenosse oder Zeitgenossin, sie machen im Übrigen einen kleinen, aber verzeihlichen Fehler: Diese Kommune ist nicht die Welt, sondern lediglich ein kleiner Teil davon. Den kulturellen Unterschied zwischen "wertvoll" und "werthaltig" müssen sie mir freilich erklären, weil ich "werthaltig" nur aus dem Wirtschaftsvokabular kenne. 
creature meinte am 24. Feb, 22:17:
>der mensch irrt, solange er lebt< hatte goethe gemeint.... 
wvs_at_re-actio.com meinte am 24. Feb, 22:45:
Da scheint mir doch ....
.... so manche ungebremste Aggression gegen Herrn sehpferds Ansichten und Gedanken vorhanden zu sein [übrigens auch in vielen zuvor geschriebenen Kommentaren zu anderen Themen].

Und die Sprachebene:
Entlarvend der häufige Gebrauch von Vulgärausdrücken, das gibt mir noch mehr zu denken, sagt es mir doch viel "zwischen den Zeilen" über die - ach so bemühten - SchreiberInnen aus.

Warum bloß? Sind in der "BLOG-Community" so viele Enttäuschte, Verklemmte, Zensoren, die vehement alles ablehnen, was ihnen nicht verständlich ist? Sie, die sie sich doch von ihren Unterklassewurzeln durch Aufstieg in akademische Kreise befreit wähnen? Gedankenfreiheit zu nutzen - und zu ertragen - ist eben das Privileg derer, die ein "Herkommen" haben. Da hilft kein sozialpädagogisches Minimalstudium, Prolet bleibt Prolet!

Wenn Herr sehpferd sich äußert - so wie er es tut - kann das doch nur zum Denken anregen! Wie soll denn eine eigene Standortbestimmung ohne Koordinatensystem funktionieren?

Danke, und weiter so Herr sehpferd! 
sehpferd antwortete am 24. Feb, 22:49:
Danke ...
... in diesem Fall habe ich den Artikel geschrieben, um Diskussionen hervorzurufen. Ich hoffe sehr, dass wir auf diese Weise zu Differenzierungen kommen. Der verlinkte Artikel hat aber durchaus einen Eigenwert. 
sehpferd meinte am 25. Feb, 06:52:
In eigener Sache
Ich behalte mir vor, Beiträge, die in ihrer Ausdrucksweise über das für mein Blog akzeptable Maß hinauszugehen, zu entfernen. 
zeitgenossen antwortete am 25. Feb, 15:32:
Mensch mühsam,
ich lerne, nie mehr Nazivergleiche grob vorgetragen, das können Deutsche nicht ab und man muss vorsichtig sein, denn der Kontrollwahn hat überdauert. Uups, schon wieder einer. Was Sie aber machen ist genau dasselbe. Mein Gott, sie vergleichen Eva und mich mit den Hitlerverehrerinnen, nur weil wir Frauen sind und Sie meinen, wir äusserten ein Gefühl.

Ich dachte wir sprechen von Gefühlsäusserungen. Sie sprechen im Text ja eigentlich davon und plötzlich widersprechen Sie sich im Kommentar und bestätigen wertvolle (also Wert im Sinne von Nutzen) Gefühlsäusserungen, fehlgeleiteter (also werthaltiger, im Sinne ihrer Wertfreiheit beraubt, da durch einen Wertekosmos geschleuste) Gefühle.

Also liegt doch der Verdacht, dass es Ihnen weder um den Wert von Gefühlsäusserungen, noch um die Frage, ob ihr wertendes Gefühl denn richtig sei, ging, sondern nur darum, dass Sie ein richtiges Gefühl zu haben meinten, nämlich, dass es falsche Gefühle gibt und dachten das ergäbe eine dermassen wertvolle Gefühlsäusserung, dass sie sie darob in Ihr blog schrieben, nahe, und ich wette, sie fühlten sich super authentisch dabei. 
ferromonte antwortete am 25. Feb, 15:36:
besser kann mans
nicht ausdrücken, zeitgenossin. 
sehpferd antwortete am 25. Feb, 17:17:
Wette verloren
Ich fühle mich nie „super authentisch“ – das sollten sie eigentlich wissen. Im Übrigen würde ich mir wünschen, dass die Diskussion in der Sache vorangetrieben wird, was ich bislang nicht feststellen konnte. 
zeitgenossen antwortete am 25. Feb, 18:07:
Also,
es ist ein guter Trick, auf die Diskussion in der Sache zu verweisen, weil es impliziert man selbst wär bei der Sache geblieben. Nun, was ist die Sache? Ihre nachträgliche Frage? Meine Antwort: Ja. Obwohl ich den Verdacht habe, sie meinten ein Gefühl zu kritisieren, dabei kritisierten Sie ein Kunstwerk. Das ist zwar ein und dasselbe, aber hat nicht dieselbe Angriffsfläche. 
schnatterliese meinte am 25. Feb, 10:26:
allein
was jedoch ein wenig hinkt ist der vergleich. auch im hinblick auf die authenzität, wie ich finde. die öffentlichmachung der gefühle der verehrerinnen hitlers sind in einem nicht unerheblichen maße unmittelbar und waren offensichtlich nicht zur VERöffentlichung bestimmt. womit sie - die geschriebenen gefühlswallungen - nicht die frage nach eventueller kritik ob der veröffentlichung aufwerfen.

in einem blog jedoch siehts anders aus. herr sehpferd fragt sich und andere ob man in die öffentlichkeit transportierte gefühle kritisieren darf, kann oder gar muss.

kann? kann man, wenn man mag, allein die frage stellt sich, gibt es überhaupt in diesem bereich dinge, die man nicht können könnte, ich denke übrigens nein. nur, was soll der tiefere sinn sein, gefühle – die da wo aus eigenem antrieb öffentlich gemacht wurden – zu kritisieren? es ändert nicht den umstand der bereits erfolgten veröffentlichung. es liegt auch wohl der schwerpunkt im kontextuelle hintergrund der kritik, denn es wird in der regel nicht plakativ kritisiert, das öffentlichkeit hergestellt wurde, sondern die kritik zielt auf form, inhalt und sinnhaftigkeit des veröffentlichten gefühl.

darf? sagen wir mal so, es scheint beinahe zum guten – individuellen – stil zu gehören, sich das recht zuzugestehen, alles dürfen zu dürfen; sozusagen im dienste der liberalität. vergessen wird hierbei oft, dass gefühle in ihrer substanz – und es geht ja nach wie vor um gefühle – zum einen kritikresistent und zum anderen in sich kritikunfähig sind. also beschränkt sich die frage auf den punkt der veröffentlichung. in dieser beschränkten zulässigkeit der frage an sich, muss ich sagen, interessiert mich nicht mehr, ob kritik sein darf oder nicht. aber um es zu beantworten, ja man darf, es macht nur – wie einmal mehr - keinen sinn.

muss? also, muss ich veröffentlichte gefühle kritisieren? nein. warum auch. 
sehpferd antwortete am 25. Feb, 18:43:
Statt einer Antwort
Zum Können:

Die Möglichkeit, öffentlich dargestellte Gefühle zu kritisieren, ergibt sich schon daraus, dass sie der Öffentlichkeit vorgezeigt eurden. Sie nicht kritisch zu betrachten könnte auch heißen: An ihrem Wert zweifeln.

Zum Dürfen:

Gefühle mögen in ihrer Substanz kritikresistent sein. Doch ist hier niemals die Rede von der Substanz, sondern von dem, was aus einer solchen Substanz heraus das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Ich denke, der Unterschied sollte klar sein.

Zum Müssen:

Da beginnt für mich die eigentliche Diskussion. Müssen wir jemandem, der auf einem Gefühlsseil über eine gefährliche Schlucht gehen will, deutlich warnen? Sollten wir den, der seine (ehrlichen) Gefühle den Schweinen zum Fraß vorwirft, sanft mahnen? Und sollten wir denjenigen, der seine Seele offen legt, nicht darauf hinweisen, dass ihm dies auch zum Schaden gereichen könnte? 
schnatterliese antwortete am 25. Feb, 19:27:
ich versuche mich mal den begrifflichkeiten zu nähern
Unsere Einstellung zu Kritik ist eine seltsame. Du sollst nicht kritisieren – scheint das 1. Gebot gesellschaftlichen Umgangs zu sein. Keiner will kritisiert werden – aber alle bestehen auf dem Recht auf eine eigene Meinung und eigenem Urteil – wie wenn Kritik nicht gerade DIE Methode wäre, zwischen unterschiedlichen Meinungen und Absichten abzuwägen, zu optimieren und einen eigenen, freien Entscheid zu fällen. Das mag daran liegen, dass Kritik einen Zwang, den zwanglosen Zwang des besseren Arguments, oder einen Wettkampf auslöst.

Definition Kritik.: gr. kritike [techne] Kunst der Beurteilung und Prüfung. Bewahrt vor Täuschungen und Irrtümern, auch hinsichtlich der eigenen Person. Grundform der Auseinandersetzung mit Handlungen, Handlungsnormen und –Zielen. Nahezu synonym zu Vernunft und Denken. Die aufklärerische Kritik richtet sich gegen den Zwang metaphysischer, religiöser, rechtlicher, politischer oder allgemein gesellschaftlicher Normensysteme und Vorurteile. Ihre Voraussetzung ist die Freiheit zur Infragestellung. Ihr Ziel die Erweiterung der Freiheit. Kritik ist also die Grundbedingung der Demokratie. In Kants Kritik der reinen sowie der praktischen Vernunft zeigt sie auch die Grenzen der Vernunft selbst.
Kritik ist auf jeden Fall immer Bestandteil der Rhetorik, denn der Redner hat nicht nur die Aufgabe, sein Thema zu entdecken oder erfinden und wirkungsvoll darzustellen, er muss auch seine Gründe und Schlüsse prüfen und beurteilen. Je nach Herkunft, Nationalität, Geschlecht, Alter, Erziehung, Schicksal urteilen Menschen nämlich anders. Erziehung und Ausbildung sind entscheidende Faktoren für bestimmte Verhaltensweisen: Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.

Im Zeitalter des Wissens ist man nicht unbedingt "nett" zueinander. Wichtiger ist, dass ein ehrlicher und offener Dialog über die wirklich anstehenden Probleme geführt wird.

das habe ich nun in weiten teilen mir zusammen gesucht. die unterschiedlichen philosophischen hintergründe zm großthema kritik sind hier ja bereits an anderer stelle besprochen worden.

ich unterstelle nun einmal mutig, hier ihr kritikverständnis recht zutreffend geschildert zu haben.

aus dem hier geschilderten ergibt sich für mich dennoch, müssen muss nicht. der zwang der dem müssen innewohnt erklärt sich mir überhaupt nicht, respektive der charakter des unausweichlichen.

wie gesagt können und dürfen ja, müssen..... 
sehpferd antwortete am 25. Feb, 20:11:
wer denn mehr Kluges dazu lesen will ...
... kann es hier tun. Was ich beinahe vergessen hätte: Es gibt hier ein Essay von mir zur Kritik
schnatterliese antwortete am 25. Feb, 20:22:
sagte ich doch
oder? aber eben nicht alles war mir wichtig. 
sehpferd antwortete am 25. Feb, 22:00:
sagtest du / sagten sie ...
aber die Höflichkeit (vom Recht ganz zu schweigen) gebietet, dass man wörtliche Zitate als solche kennzeichnet. 
creature meinte am 25. Feb, 11:03:
ist nicht jeder der diese aura der macht besitzt ziel dieser projektionen, ebenso che oder fidel castro, mussolini und lenin wie auch jimmy hendrix, lennon und jagger, eine art von groupies findet sich für jeden der in der öffentlichkeit steht, sogar für kübelböck. diese gefühle sind halt einmal vorhanden und suchen ihre entsprechungen. vielleicht hat sehpferd auch schon heimliche verehrerinnen die sich noch nicht geoutet haben! 
sehpferd antwortete am 25. Feb, 13:11:
Wenn es so wäre ...
würde ich ja erröten. Aber im Ernst - so scheint es zu sein, und diese Meinung wird auch in der Quelle vertreten. 
sehpferd meinte am 25. Feb, 12:20:
Die Grundlage und warum Fragen offen bleiben
Gefühle öffentlich zu machen ist außerhalb der Dichtung, bestimmter Männer- und vielleicht auch Frauenbünde und möglicherweise in der psychotherapeutischen Gruppenbewegung früher nicht üblich gewesen. Sie blieben in versteckten Tagebüchern und waren nicht dazu gedacht, jemals das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Deshalb war eigentlich auch gleichgültig, was darin stand – es diente ja nur dem Dialog mit sich selbst, von dem man manches Mal auch Lebenshilfe erwartete.

Nun aber liegen diese Gefühlsäußerungen überall öffentlich herum – meist ohne einen Rahmen, in dem man sich wieder finden könnte. Der Zeitzeuge stellt fest, dass es offenbar Veränderungen in der Kommunikation gibt: viele Gefühle, möglicherweise zu viele, dringen an die Oberfläche und wollen Beachtung finden. Meine Frage ist nun: Welche Beachtung sollen wir ihnen schenken? Selbstverständlich könnte man auch fragen: Welche Wert sollten wir ihnen beimessen? Oder, wie eingangs gefragt: Sollten wir sie kritisieren? Für mich steht die Diskussion erst am Anfang. 
 

Add to Technorati FavoritesMy Popularity (by popuri.us)

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma