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Ich betreibe dieses Blog jetzt seit 365 Tagen. Zeit, eine Bilanz zu ziehen.

Für mich ist das Wichtigste an einem Blog, wahrgenommen zu werden. Das ist der Fall. Vor allem die Suchmaschinen und vereinzelte Referenzen in Onlinezeitschriften und anderen Blogs bescheren mir eine sichere Leserschaft. Die Zugriffe entwickeln sich gut, wenngleich die belanglosen Artikel über so genannte Stars, die ihre Hüllen fallen lassen, die besten Aussichten auf Zugriffserfolge haben. Verbucht werden die Zugriffe mit einer dicken schwarzen Zahl auf der Habenseite.

An zweiter Stelle steht die Freude am Schreiben. Ich beginne den Tag mit dem Wunsch, einen Artikel zur Europa- oder Gesellschaftspolitik zu schreiben und ich beende ihn mit den kleinen belanglosen Artikeln über Liebeslust und Liebesleid, Erotik, Fotografie oder Nacktheit. Freude macht mir das eine wie das andere. Die Freude verbuche ich liebevoll auf der Habenseite.

Drittens möchte ich mit meinen Gedanken etwas bewirken. Hier kommen erste Zweifel auf. Die synergetischen Effekte, die man etwa in Wikipedia beobachten kann, wollen in Blogs einfach nicht vorankommen. Der Grund ist einfach zu finden: Blogger neigen dazu, drei Menschen am meisten zu Lieben: sich, Ihr Selbst und ihre Person. Die ungeheuren Kräfte, die durch gemeinsames Denken und Handeln („niemand weiß so viel, wie wir alle zusammen“) entstehen könnten, werden schmerzlich vermisst. Ein schwerer Brocken im Soll der Bilanz – weil dies geändert werden könnte und niemand etwas daran tut.

Man könnte viertens manche schlechte Erfahrung verschmerzen, wenn Blogs irgendwie profitabel wären. Vorläufig sind sie es nicht. Wenn aber langfristig die Gewinnaussicht fehlt, werden immer neue ICH-AGs für immer wieder ähnliche Artikel sorgen, die von immer wieder ähnlich gelagerten Bloggerinnen und Bloggern gegenseitig gelesen werden. Blog-Innovationen werden auf der Strecke bleiben, wenn kein Gewinnen zu erwarten sind, wobei der „Gewinn“ auch in Wählern, Lesern für Printmedien oder einem Zuwachs an Kulturkonsumenten sein kann. Manchmal denke ich: Eigentlich sind wir schon so weit. Wir haben verpennt, Blogs profitabel zu machen. Eine gewaltige rote Zahl in der Bilanz – auf Dauer vielleicht das Ende der Blogs.

Fünftens frage ich mich: Was habe ich dabei gelernt? Vor allem, meinen eigenen Weg konsequent zu verfolgen. Dazu gehört leider auch, sich sowohl von falschen Feinden wie von falschen Freunden abzugrenzen. Die ursprüngliche Idee, die unsäglichen Äußerungen von herumhüpfenden Beschimpfern zu sammeln und irgendwann einmal zu veröffentlichen, habe ich längst aufgegeben. Sie liegen jetzt alle im Papierkorb, und da bleiben sie auch. Das Erlernte buche ich auf die positive Seite: Es zeigt den Weg in die Zukunft.

Ich habe es schon einmal gesagt: Es ist nicht lohnend, mir in den Finger zu beißen. Besser ist, sich die Richtung zu merken, in der er zeigt. Soweit meine Arroganz. Ein bisschen davon brauche ich, um hier täglich zu schreiben.

Sie vermissen einen Strich unter der Bilanz? Ich auch. Es ist noch zu früh. Ich plane weiter, gebe dem Blog noch bis Ende 2005. Dann wird sich zeigen, wohin ich mich wende.
Sujin meinte am 18. Sep, 13:48:
Für mich als Leser...
steht da was unter dem Strich der Bilanz: Es macht Spaß hier zu lesen, es tauchen immer wieder richtig klasse Links auf und der Feed bleibt auch weiterhin in meinem Feedreader.

Und dass du die Badische Zeitung hin und wieder zitierst gefällt mir auch, denn ich darf dieses Käsblatt auch täglich zu mir nehmen :) 
sehpferd antwortete am 19. Sep, 11:05:
Tatsächlich
habe ich die Badische als Badischer Bürger immer noch in meinem Briefkasten, obwohl ich nicht mag, dass sie dem Rest der Menschheit ihre Online-Ausgabe entziehen: sie wäre es wert, gelesen zu werden.

ich hoffe, dass möglichst vielen meiner Lesern mein gegenwärtiger "Mix" gefällt. 
 

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