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Wer ist eigentlich erwachsen? Wer sich all seiner Handlungen, Gedanken und Gefühle bewusst ist und bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen? Dann würde sich die Schar der Erwachsenen aus ein paar Weisen und Heuchlern zusammensetzten. Also ist „erwachsen", wer ein bestimmtes Alter überschritten hat, in Stufen: Hier darf er oder sie dies, dort jenes: Die Gesellschaft regelt den Zugang zu Geld, Waren, Arbeit, Lizenzen, Drogen und Sexualität, und sie versucht, Übergriffe auf jene zu vermeiden, die als „minderjährig" eingestuft werden.

Das heutige Volljährigkeitsalter ist 18 Jahre. Als es eingeführt wurde, sprach ich mit einigen jungen Frauen, deren Eltern CDU-Größen in Stuttgart waren: Sie waren dagegen und argumentierten, sich noch nicht als Erwachsen zu fühlen, doch was würden sie fünf oder zehn Jahre später sagen? Ich weiß es nicht, weil ich sie aus den Augen verlor, doch weiß ich eines: Diese Generation war immer eine „Schwellengeneration", eine, die zwar nicht mehr in absoluter Abhängigkeit, aber eben noch nicht zur Unabhängigkeit erzogen wurde: kein Wunder, dass damals gerade das „Borderline-Syndrom" entdeckt oder erfunden wurde: Menschen blieben in einem Zwischenbereich, wollten weder Fisch noch Fleisch werden, hingen im Raum sinnentleerter Gestalten - oder weniger poetisch: Sie dachten gar nicht daran, erwachsen zu werden.

Sagen wir es einmal klar: Kein Mensch, der ohne langjährige Unterbrechung räumlich mit seinen Eltern zusammenlebt, kann ein „Erwachsener" genannt werden, und auch, wer sich gedanklich wie gefühlsmäßig zu sehr an die Eltern bindet, darf sich im Grunde so nennen. Erst, wer sich „emanzipiert", das heißt, von der Hand des Elternhauses losgelassen seine eigene Beschäftigung, seine eigene Wohnung, eigene soziale Umgebung und eine stabile Gedankenwelt aufgebaut hat, verdient es „Erwachsen" genannt zu werden - "miderjährig" sind wir alle, solange wir so handeln.

Wenn wir uns kritisch umsehen, entdecken wir, dass unsere Umwelt ein Lieblingsspiel hat: „Wir Kinder". Ob es die Strampelhosentanten und Onkel sind, die in Wellness-Centern verkehren, oder das Volk mit Terminkalender, die Belegschaft oder das Wahlvolk: Alle spielen dieses Spiel, und wer in die Teams oder Projektgruppen der heutigen Wirtschaft sieht, findet dort seine rabiaten Varianten: "Ruiniere deine Gesundheit oder sie entlassen dich" heißt die schlimmste Variante und „der Staat macht ja doch was er will" die dümmste.

Staat und Gesellschaft sind gerade dabei, scharf zwischen Menschen unter 18 und solchen über 18 zu trennen. Thema ist - wie könnte es anders sein - die Sexualität, die das Lieblingsthema der Kindergartentanten (Pardon: Sozialpädagogen und Pädagoginnen) im Jugendschutz und so könnte es kommen: Wer 17 Jahre und 364 Tage ist, muss geschützt werden, wer seinen 18. Geburtstag feiert, nicht mehr. Freilich ist dies manchen noch nicht schlecht genug: Sie meinen, alle Erwachsenen müssten vor sich selbst geschützt werden, weil ... ja, warum eigentlich? Vielleicht, weil ein paar Pädagogen, Psychologen und Kirchenvertreter meinen, dass nur sie erwachsen sind.
 

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