anstoss

  sehpferdvs sehpferds magazin für anstöße und anstößiges
rosinentexte_500_x
Irgendwann im September 2003 staunte ich nicht schlecht, als ein neuer Sender auf meinem Display auftauchte: Ausgerechnet auf ASTRA gab es einen Sexsender, bei dem gleich aus dem Namen hervorging, was er machte: TV6. Das Geheimnis um den Sender war schnell gelüftet: Der geistige Vater des Ganzen war der Österreicher Peter Stolz, der den Sender sozusagen als Nebenprodukt aus einem Linzer Amüsierbetrieb, dem „Sex-O-Drom“ heraus betrieb. Der Geschäftsführer des Senders, Joe Nopp, trug zum Pressefrühstück bei der Eröffnung dick auf: „Es ist mir ein Anliegen Erotik aus der Tabuecke der Gesellschaft zu holen und einen natürlichen Umgang mit Lust und Sex zu fördern. Unser Programm und unsere Senderbotschaft werden sicherlich dazu beitragen“.

Nun, der Anspruch wurde von Anfang an nicht erfüllt. Der Zuschauer konnte beobachten, was das Sex-O-Drom ohnehin zu bieten hatte, nur eben auf dem Bildschirm. Zu Anfang sah man Gogo-Girls und Peep-Show-Mädchen, doch nach und nach wurde ein junges Pärchen aus Deutschland zur Attraktion des Senders: Sie nannten sich Steffi und Boris und hatten einen Dreifachjob: Einerseits traten sie jeden Abend auf der Bühne als kopulierendes Paar auf, dann moderierten sie eine äußerst humorvolle Mitternachtsshow, und schließlich trieben sie das, was sie auf der Bühne taten, auch noch auf einer Couch im Studio.

Das Paar erwies sich bald als Attraktion und lockte die Menschen an – nicht nur Leute, die Steffis gewaltige Brüste sehen wollten. Zu diesem Zeitpunkt konnte der Sender frohlocken: Die Einschaltquoten stiegen, ohne dass nennenswert Werbung gemacht wurde. Zwei Dinge änderten die Situation: Erstens konnten die neuen Paare, die auf Steffie und Boris folgten, nur kopulieren und sonst gar nichts. Das mag eine viertel Stunde unterhaltsam sein, doch dann ist es auch aus, zumal, wenn der weibliche Teil keinerlei erkennbare Mimik zeigt, und vor allem konnte man die Leute nicht auf die Couch lassen: Sie hatten einfach nichts zu sagen. Etwas zum gleichen Zeitpunkt wurde die österreichische Aufsichtsbehörde hellhörig: Der Sender durfte fortan nicht mehr das ausstrahlen, was er vorher tat: Sex Live mit deutlich sichtbaren Genitalien.

Nachdem klar wurde, dass es so nicht weiterging, verlegte sich der Sender auf Gameshows. Mit teils viel zu leichten, teils aber auch gar nicht erratbaren Fragen sollten Anrufer angelockt werden, und auch dies schien eine Weile funktioniert zu haben, bis die Zuschauer erkannten, dass sie sich viel zu oft in kostenpflichtigen Warteschlangen befanden. Hinzu kam, dass der Sender einen grobschlächtigen und oft missmutigen Moderator beschäftigte – niemand anders als der Inhaber, Peter Stolz. Dies war einer der wesentlichen Fehler des Senders – niemand, der Erotik sehen will, will einen missmutigen Menschen sehen. Dies hätte Peter Stolz wissen müssen – schließlich kennt er das Erotik-Geschäft.

Anfang März 2005 hieß es dann, der Sender befinde sich im Ausgleich, eine Art Vergleichsverfahren. Ab diesem Zeitpunkt ging es rapide bergab, und kurz danach wurde auch das Anschlusskonkursverfahren eröffnet. Eine Kampagne „rettet TV6“ kam beim Publikum nicht recht an, die Gameshows wurden immer mehr zu Totenreden, weil ohnehin kein Mensch mehr anrief, und auch halb nackte Schönheiten am Glücksrad oder das „TV6-Girl", dass man am Ende aus dem Hut zauberte, brachte kaum noch Geld ein – der einsame Mann, der etwa alle halbe Stunde anrief und die Dame auf der Couch fragte: „Darf ich deine Muschi sehen“ wird wohl kaum nennenswert zum Umsatz beigetragen haben.

Nachdem man am 6. September 2005 bereits das endgültige „aus“ verkündet hatte, sieht man heute auf der Webseite von TV6, die nach wie vor besteht, man sei nun „mit Hotbird in Verhandlungen“.

English: See the short article in Nachtfalter with some pictures of Steffie.
 

Add to Technorati FavoritesMy Popularity (by popuri.us)

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma