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  sehpferdvs sehpferds magazin für anstöße und anstößiges
Wir haben lange über Blogs geredet. Auf dem Höhepunkt – ich denke, es war vor mehr als einem Jahr – haben Blogger Qualität verlangt – und wurden deshalb verlacht. Heute haben wir alle Arten von Qualität, nur eines haben wir nicht: irgendeine Bedeutung.

Mit den Jahren kritischer geworden, lese ich mit deutlicher Distanz, dass wieder irgendwo auf der Welt ein Blogger-Kongress stattfindet. Es geht mich wahrlich nicht mehr an, als wenn irgendwo ein Modelleisenbahner-Kongress oder ein Leica-Sammler-Kongress abgehalten würde.

Das Eigenartige an diesem merkwürdigen Medium: Je mehr darüber geredet wird, umso mehr verliert es an Bedeutung. Das geht auch mich persönlich etwas an: Ich, Sehpferd – ich will auf Dauer nicht in die Bedeutungslosigkeit verfallen.

Ab dem nächsten Herbst werde ich ohnehin, sooft es geht, im renovierten Café New York in Budapest sitzen. Sollte ich meinen Laptop dann dabei haben, werde ich wieder etwas mehr schreiben - unter einem neuen Kladdendeckel.

Vorerst aber trete ich einmal auf die Bremse. Es ist nicht unbedingt nötig, mit Vollgas in die Bedeutungslosigkeit zu fahren.

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Bild: Budapest. Giebel des Gebäudes, in dem sich das Café New York befindet. Das Bild entstand im Sommer 2005 während der Renovierungsarbeiten. (C) 2005 Sehpferd

Jetzt ist sie wieder da, die Zeit, in der die Kinderaugen strahlen und die Kassen der Einzelhändler klingen. Wahrlich, süßer klingen sie nie als zu der Wei-hei-nachtszeit. Sollen sie ruhig – passiert ja nicht das ganze Jahr, so etwas.

Es ist auch die Zeit, in der sich der Herr Pfarrer die Haare raufen und mahnend den Finger heben: Die „ursprüngliche Bedeutung“ sollte man wieder lehren, wissen sie, die ursprüngliche Bedeutung unseres Weihnachtsfestes.

Nicht Weihnachtsmänner, sondern Krippen! Keine Christkinder, sondern Jesuskinder! Keine Tannenbäume, sondern Kirchgesang!

Die ursprüngliche Bedeutung? Es bringt mich zum Lächeln. Der Ursprung unseres Weihnachtsfestes liegt doch ganz woanders, Herr Pfarrer – sollten sie eigentlich wissen, sie sind ja ein gebildeter Mann.

Nein, ich will sie nicht erneut damit langweilen, dass uns die Missionare dieses christliche Weihnachten in die Zeit der Wintersonnenwende hineingedrückt haben und uns so das ganze Fest seines ursprünglichen Sinns entkleideten. Vielmehr will ich Ihnen dies sagen: Am Weihnachtsabend, so sagt eine alte niederdeutsche Geschichte, da „piepen die Mäuse in Großvaters Haus“.

Der liebe Gott, dass Jesuskindlein nebst Ochs’ und Esel und Morgenlandweisen und was sonst noch an Weihnachten in aller Munde ist, blieb bei uns „außen vor“, wie man so sagte – aber der Lichterbaum natürlich nicht – sehen sie, und den habe ich heute auch noch zu Weihnachten.

Doch Großvaters Haus ist nicht das Haus meines Großvaters, denn jener besaß gar keines. Es ist das Haus jener Gedanken, die uns an unsere Existenz erinnern, an die Wurzeln dessen, was unseren persönlichen Erfahrungsschatz ausmacht. Der einsame Wanderer durch die Gassen, der auch ich über viele Jahre war, schrieb einst, dass Markt und Straßen verlassen seien an diesem Tag. Er sieht die Menschen wohl, die ihre Häuser still erleuchtet halten, doch was soll er in dieser Nacht mit den Menschen? Denn die wirkliche Besinnung findet er erst, wenn kein Mensch mehr seine Gedanken stört: Draußen, auf dem freien Feld erlebt er die Ruhe, die ihn befähigt, in sich hineinzuhören: Nun kann er es wahrnehmen, das stille Singen der Seele. Ich weiß, ich schreibe dies in die falsche Zeit hinein. Derzeit singen die Seelen, wenn überhaupt, laut und mit falschem Zungenschlag.

Wenn Sie es „in Kleingeld“ wollen: Sehen sie, ich habe den extrem harten Winter 1947 als kleines Kind überlebt - in der eisigen äußerlichen Kälte jenes Winters, und so gut wie ohne Brennstoffe - denn die, vor allem Anderen, gab es nicht. Man sagt, ein Kind in jenem Alter erinnere sich an nichts, doch noch heute verfalle ich in Panik, wenn die Innentemperaturen unter 18 Grad sinken, und noch heute genieße ich jeden Tag nach der Wintersonnenwende, der länger ist als sein Vorgänger, so lange, bis sich die ersten Blüten der Magnolien öffnen. Dann weiß ich, dass ich wieder einen Winter überstanden habe.

Was er wohl dazu aufgeschrieben hätte, halb in den Bart gebrabbelt und letztlich auf der Bühne von sich gegeben? „Sehen se Mal, der da, der soll ja ein ganz bekannter Kabarettist gewesen sein“.

Bergleute, Ehrengrab, dazu ein leibhaftiger Ministerpräsident. Schade, dass er es nicht mehr mit ansehen konnte. Schade, dass er nichts mehr dazu auf der Bühne sagen kann. Nur er hätte es gekonnt: In den bekannt leisen Tönen, deren verzwickter Sinn seinen Zuhörern auch noch nach Tagen nachschlich: Was hatte doch Hagenbuch zugegeben?

Hanns Dieter Hüsch gibt es nur noch als Namen auf einem Grabstein. Aber Hagenbuch wird wohl überleben.

Ob alle Kuscheltiere reden können? Meine jedenfalls konnten es. Besonders aber eben jener Hund, von dem hier die Rede sein soll: Eine Art Hundebaby, innen Watte, außen ein billiger Plüsch, mit aufgenähten Kulleraugen, kaum mehr als Körper, Kopf und Ohren. Ich darf ihnen dies sagen: Ich habe ihn geliebt, wie ich in ähnlicher Weise kaum ein Lebewesen geliebt habe.

Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben, sei es in der Jugend oder im Erwachsenenalter, so viel Dialoge mit jemandem geführt zu haben wie mit jenem Plüschtier – nicht einmal mit meinem Großvater, und dem habe ich ganz schön die Ohren voll gedröhnt.

Zu Weihnachten verschwand das Objekt meiner Liebe regelmäßig. Ihn wurde dann der Bauch aufgeschlitzt, die Watte entfernt, und der Rest des Plüschtiers wurde gewaschen – was einige Jahre gut ging, doch dann zeigte die Hülle Verschleißerscheinungen, die ich der Zeit zuschreiben will (guten Plüsch gab es damals nicht), aber sicher waren es auch Zerliebungserscheinungen, die sich am armen Tier zeigten. Jedenfalls lag der frisch gewaschene und wieder zugenähte Hund dann jeden Weihnachten wieder unter dem Weihnachtsbaum.

Am Ende der vielen Jahre mit dem Tier war es so verschlissen, dass meine Mutter es nicht mehr waschen konnte, doch glücklicherweise kam ich dann auch nach und nach in die Pubertät, so dass sich andere Objekte einstellten, denen meine Aufmerksamkeit galt.

Doch eben jenes Plüschtier, jenes mit den schwarzen Kulleraugen auf dem weißen Fell, kitschig und anatomisch inkorrekt – jenes Plüschtier also kannte all die Geheimnisse, Sehnsüchte und Wünsche des Knaben, und dies kann ich Ihnen sagen – es ist schwer, im Leben einen so geduldigen und allzeit verständnisvollen Gesprächspartner zu finden wie ein Plüschtier. Ach, sie meinen, das ergäbe keine wirklichen Dialoge? Dann hatten sie nie ein Plüschtier, das sprechen konnte – ach, sie armer, armer Mensch.

Eine Sektflasche zu öffnen, ist an sich keine Kunst – die Kellner können es immer, auch, wenn sie manchmal ein Kellnertuch zu Hilfe nehmen – denn der Feind ist der Korken und er sitzt nicht nur tief in der Flasche, sondern soll den Sekt auch dort festhalten, wo er hingehört – in der Flasche. Zu bemerken wäre, dass dies nicht nur zu Kellerzeiten der Fall sein soll, sondern auch auf dem sommerlichen Transport zum Händler.

Vor allem letztere Tatsache verführt die Sektkellereien dazu, Sektkorken aus Naturmaterial zu verwenden, die sich nach unten hin stark konisch verdicken. Durch irgendeinen Trick schafft die Kelterei wohl, den Sektkork dort hinein zu pfropfen (obwohl das physikalisch fast unmöglich erscheint) - aber hinaus?

Frohen Mutes nimmt also der Liebhaber die Flasche in die Hand. Gewohnt, dass eben jenes ungarische Fabrikat (Flaschengärung, selbstverständlich) sich besonders hartnäckig widersetzt, wenn man an sein Innerstes heran will., wird gleich einmal das Küchentuch benutzt, eine kurze Konzentration, der die Kraft auf den Punkt bringt – die entscheidende Dreivierteldrehung, nach der eigentlich alles flutschen sollte wie am Schnürchen - und nichts passiert.

Man hat, in dem Bewusstsein, dass solche Fälle wohl vorkommen können, den Notfalltrick parat (wenn niemand hinguckt): einen Sektflaschenöffner. Also angesetzt, die Hebelwirkung genutzt – und siehe – es geht ganz leicht – nur, dass man nur den oberen, globenförmigen Teil des Korks entfernt hat. Der eigentliche Kork befindet sich noch da, wo er war – und rückt keinen Millimeter. Nun ja, es guckt ja gerade Niemand. Also den Korkenzieher bemüht, um den Restkork zu entfernen. Jener lässt sich auch wirklich eindrehen, ein kurzer Ruck – und der Öffner entgleitet der führenden Hand auf seinem Flug zur Zimmerdecke, wo er in Ermanglung von Schubkraft freilich nicht ankommt, sondern sich alsbald dreht, um zur Erde zurückzukehren, was bedeutet, den Kopf einzuziehen und für den Korkenzieher einen Landeplatz auf dem Teppichboden vorzusehen.

Immerhin – und dies kann ich mit Freude melden – wurde bei der Prozedur nicht ein einziger Tropfen des edlen ungarischen Sekts verschüttet.

Ja, sie haben richtig gelesen: Ja, Sie haben nichts gelesen. Kein Kommentar am Sonntag. Was in Deutschland geschah, erschien mir nicht nur belanglos, es war auch so: Die deutschen Neidhammel fallen über Herrn Schröder her – das also soll etwas besonderes sein? Hoffentlich hält er stand und beweist, dass ein freier Mann in einem freien Land denjenigen Beruf ausüben darf, den er auch ausüben möchte. Mag ja sein, dass man „Karenzzeiten“ braucht. Dann soll man sie bitte im Gesetz festschreiben und nicht wieder diese lachhafte deutsche Neidhammelmentalität heraushängen lassen:
Ach, wie schön, wie selbstgerecht wir doch wieder sind. Was haben wir davon? Nichts. Keine Lösungen aktueller Probleme, sondern das deutsche Phänomen: An den tatsächlichen Problemen tun wir nichts, aber bei Scheinproblemen kocht die Stammtischseele – und leider schüren die Journalisten noch dieses Feuer des Hasses, dass unsere Seelen verbrennt.

Manchmal bin ich froh, dass ich im Ausland wenigstens nicht dauernd mit diesem selbstgerechten Geschwätz konfrontiert werde – und dies, obwohl insbesondere die deutschen Sender das Thema den ganzen Tag strapaziert haben – es war vielleicht interessanter, als Weihnachtsmanngeschichten aufzutischen.

Weihnachten ist stets auch die Zeit, in der jegliche Art von Erotik- und Pornografiekitsch das Internet überströmt. Dieses Jahr hatte ein Blogger ein Herz für die Weihnachtserotikkitschliebhaber und zeigt ein Blog nur mit Weihnachtserotik.

Nun ja, Erotik ... also man nehme:

1 Ein Exemplar Dame, möglichst ansehnlich und entkleidungsbereit
2 Eine Zipfelmütze mit Kunstpelzbesatz
3 Irgendein leichtes Kleidungsstück, rot, ebenfalls mit Kunstpelzbesatz
4 Eventuell ein komplettes Weihnachtsmannkostüm
5 Einen Tannenbaum, geschmückt, als Hintergrund
6 Für die Liebhaber des Besonderen: Wachskerzen, Ruten

Nun braucht man nur noch eine Kamera und ein bisschen Licht. Jede Lichtführung, egal, wie schrecklich sie sein mag, ist ausreichend – notfalls darf sogar geblitzt werden. Man beginnt damit, die Dame bekleidet unter einen Weihnachtsbaum zu legen, zu setzen oder zu stellen, wobei sie lächeln sollte wie ein Honigkuchenpferd.

Man schießt nun ein paar Fotos von vorne, oben und unten und setzt diese Tätigkeit fort, während sich die Dame einzelner Kostümteile entledigt, solange, bis sie sich schließlich sämtlicher Textilien entledigt hat und der natürliche Pelzbesatz sichtbar wird. Bis dahin ist es Erotik. Wenn die Dame nun noch deutlich erkennbar an Süßigkeiten nascht, wird es Pornografie, und zwar umso mehr, je deutlicher auf die Süßigkeiten fokussiert wird und je höher ihre Eigentemperatur ist.

Tipp, erster: Vermeiden Sie Osterschmuck im Hintergrund
Tipp, zweiter: Lassen sie die Dame einen Schokoladenweihnachtsmann entkleiden und ihn mit der Zipfelmütze zuerst in den Múnd schieben. Machen Sie davon Nahaufnahmen.
Tipp, dritter: Haben sie keine Angst vor Wertungen. Die schlechtesten Fotos sind bereits um Internet. Ihres kann nur noch besser werden.

santababy

(C) unknown

Zu sagen hätte ich wohl etwas gehabt - aber ich bin auch der Gestalter der Zeit, nicht nur ihr Zeuge. Also verbringe ich meine Tage mit anderen Dingen. Meine Leserinnen und Leser mögen es mir verzeihen. Es gibt ein Leben außerhalb der Blogs.

Ihr Sehpferd

Zum Nikolaustag

Sunnerklus der grode Mann
Kloppt an ale Dören an
Lüttje Kinner gift he wat
Grode Kinner steckt he in’ Sack

Ick bünn so’n lütschen König
Gif mi nich to wenich
Lot mi nich so lange stohn
Denn ich möt no wieder gohn.

Nikolausgedicht der Kinder - zum traditionellen "Nikolauslaufen" in Bremen lautstark und fordernd bei den örtlichen Geschäftsleuten vorzutragen.

Nein, ich schreibe keine Nekrologe mehr. Nicht über die Blogs, bei denen mir außer „nach Gebrauch bitte Wasserspülung betätigen“ nicht viel einfällt, und erst recht nicht über die Blogs, die ich immer gerne las und deren Schreiber und Schreiberinnen (meist Letztere) ich still in mein Herz schloss.

Sehen Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, es ist doch so: Wir müssen da ein bisschen trennen zwischen dem Wunsch zu schreiben, der Fähigkeit zu schreiben und dem Medium, das eine Autorin oder einen Autor ins Licht der Welt rückt.

Bloggen ist – lassen Sie mich das Mal überdeutlich formulieren – trivial. Das liegt zum großen Teil daran, dass der Weg vom Gedanken über das Schreiben bis hin zur Veröffentlichung extrem kurz ist. Blogger sind, ähnlich wie Journalisten, nicht daran gewöhnt, den harten Teil der Schriftstellerarbeit zu tun: Einen Satz so lange zu bewegen, bis er genau das ausdrückt, was man dem Leser vermitteln will.

Wir werden immer – ziemlich unbedacht, wie ich anfügen will – von unserer „Schnellebigen Zeit“. Blogger haben diese „Schnelllebigkeit“ inzwischen so weit pervertiert, dass Worte bereits veröffentlicht sind, bevor der Inhalt im Hirn zu einem Abschluss gekommen ist. Blogger veröffentlichen also großenteils Fragmente, gedankliche Vorentwürfe, oder in vulgo: unausgegorenes Zeug.

Gute Texte brauchen also oft Zeit, bis sie das Licht der Welt erblicken können – das aber funktioniert nur, wenn zwischen dem Autor und seinem Werk eine Perdiode des Innehaltens und eine minimale Organisationsform liegt. Man könnte auch sagen: ein Verleger.

Man kann sich überlegen, ob es nicht andere Formen als das Buch geben könnte, um Autorinnen und Autoren den Einstieg in die Welt des professionellen Schreibens zu ermöglichen: Blogs sind dabei nicht das einzige Medium, und zudem haftet ihnen der Stallgeruch der Dilettanten an. Möglich wäre aber, eine literarische Webseite mit einem Blog zu verbinden – das Blog ist dann sozusagen die kleine Schaubühne, auf der die Sensationen im Inneren angekündigt werden. Auf diese Weise wird auch vermieden, dass die literarischen Beiträge mit Kommentarkot verschmutzt werden.

Es nützt uns allen nichts, vom Blogsterben zu schreiben – wenn wir hier (also in den Blogs) nicht mehr leben können, dann müssen wir eben auswandern.

 

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