anstoss

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Nachdem ich mich in einem Titel so sehr vertippt hatte, dass aus dem Sterben das „Streben“ wurde, war ich natürlich (um im Bild zu bleiben) bestrebt, auch einen Artikel über das Streben zu schreiben. Zuletzt habe ich das Wort in diesem Zusammenhang gehört: „ich bin bestrebt, den Vertrag so aufrichtig wie möglich abzufassen“.

Streben oder bestrebt sein bedeutet, etwas nachhaltig zu verfolgen. Es heißt nicht, dass der Erfolg am Ende stehen muss, auch das Bemühen wird oftmals gewürdigt. „“Danach lasst uns alle Streben“ heißt es im Deutschlandlied – und der Autor wusste sehr wohl, dass dieses Bestreben mühevoll sein würde und dass es allerlei Hindernisse auf diesem Weg auszuräumen galt, ging es doch um nichts weniger als „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Man könnte dem Autor bestenfalls zum Vorwurf machen, dass er deutschtümelnd, wie er ja nun einmal war, das Hirn vergessen hatte: „Brüderlich mit Herz und Hand“ sollten wir es erreichen – vom Verstand war nicht die Rede.

Das Wort hatte zu alten Zeiten eine sehr positive Bedeutung, doch die meisten von uns haben das Wort in einem negativen Sinn erfahren: Entweder sie beschimpften Mitschüler als „Streber“ oder sie waren selber welche. So wurde die Bedeutung umgekehrt: Wer mehr tat als nötig, und dies auch noch öffentlich bekannt gab, war ein Streber, ja, schlimmer noch, eine Streberleiche. In manchen nordischen Gegenden ist dies noch heute so: Gut ist nur, was alle zusammen leisten, womit sich der Einzelne hervorhebt, kann nicht gut sein.

Doch die Menschheit hat sich immer mal ein bisschen so, mal ein bisschen anders entwickelt: Schon bei den Affen finden wir, dass zwar gut ist, was für alle gut ist, dass man aber auch als Affe sehr erfinderisch sein kann, um sich daran ein bisschen vorbeizumogeln – und er kommt damit auch durch.

Was das mit Blogs zu tun hat? Nun, zum Beispiel dies: die Menschen, die schreiben, ob sie nun bloggen oder nicht, müssen erkennen, ob sie sich ausschließlich individuell verwirklichen wollen oder sich eher zusammenschließen, um gemeinsame Konzepte zu verfolgen, ohne die Individualität aufzugeben. Das Stichwort, bei Blogger unbeliebt, heißt Bündelung von Themen, gemeinsames Auftreten, gemeinsame PR. Ich habe es nur schon so oft geschrieben, dass es mir zum Halse heraushängt: Anders als bei Wikipedia, wo sich das Ergebnis, auch, wenn es umstritten ist, durchaus sehen lassen kann, sind Blogs immer noch ein Haufen Wurstmasse, in der man weder die Zutaten noch die Endprodukte eindeutig identifizieren kann.

Da ich keine Lust habe, noch mehr Appelle an Blogger zu richten, die entweder verhallen oder von den selbst ernannten Oberbloggern absichtlich nicht verstanden werden wollen, eröffne ich vielleicht doch besser bald eine Würstchenbude. Da weiß man, was man hat. Ach, sie fragen sich, warum die Oberblogger an die große, übergreifende Zusammenarbeit nicht heranwollen? Weil es wahrscheinlich ihren Medientod bedeuten würde. Womit wir wieder zum Blogsterben, dem Ausgangspunkt, zurückgekommen wären.

In meinem letzten Artikel hatte ich das Wort „Parade“ verwendet – es hat zwar niemand gemuckt, aber ich will es dennoch erklären: Eine Parade ist derjenige Teil einer Schaubude, auf dem kostenlose Vorführungen für das Publikum stattfinden.

Bei einigen dieser Buden wurden außen auch leicht bekleidete Damen gezeigt, die sich innen angeblich entblättern und ihre „süßen Geheimnisse“ zeigen würden. Eine der „Damen“ tat es zumeist auch – sie konnte den Oberkörper auch leicht entblößen, weil darunter eine Männerbrust zum Vorschein kam, aber ansonsten blieb es bei ein bisschen Budenzauber.

parade

"Dame" auf der Parade - Location: Stuttgart, Cannstader Wasen

© 2005 by sehpferd

Das wöchentliche Geblubber aus den Algen - meist sonntags

Manche Wahrheiten sind so einfach, dass sie kaum jemand erkennt: Selbst ein geübter Journalist oder Zeitzeuge kann kaum mehr als etwa zwei Dutzend Medien verfolgen- und selbst dies bedarf schon einer gehörigen Anstrengung. Gewiss ist manches leichter geworden, seit es Google News oder die diversen Feedreader gibt, aus denen man sich seine Interessengebiete ausfiltern kann – aber letztlich bleibt es dabei: Etwa zwei Dutzend ist die Grenze für professionelle Schreiber, und was der Normalbürger vom Zeitgeschehen aus Medien aufnimmt, ist nur ein Bruchteil dessen, was der qualifizierte Leser wahrnimmt.

Sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, das ist eine einfache Wahrheit. Kommen wir zu Blogs, so kann kaum jemand, der professionell Blogs liest, mehr als etwa diese 24 derselben im Auge behalten. Es werden durch Querverweise ein paar mehr, aber bei etwa 50 Blogs dürfte dann die Schmerzgrenze überschritten sein. Fragen wir uns, was mit dem normalen Medienleser passiert, so wird ihn neben seiner Tageszeitung, seinem ARD- oder ZDF- Programm bestenfalls noch einen Nachrichtensender erreichen. Falls er wirklich Blogs interessant findet, könnten noch ein oder zwei Blogs dazu kommen. Die müssten allerdings schon äußerst interessant sein - und dann, so ist zu vermuten, werden es sehr poluläre Blogs sein müssen, so dass sich alles wieder auf ein paar Blogs konzentrieren dürfte.

Sehen sie, wenn nun Privatleute beginnen, ihre Meinungen ins Netz zu stellen, also Blogs beginnen, dann interessieren sich zu Anfang viele Menschen dafür: Herz und Schmerz gab es sonst ja nur in den Sorayazeitungen (Pardon, in der Yellow Press), extremistische politische Agitation nur in der Presse der Retrolinken und der Neofaschisten, und so richtig auf den Putz, dass es spritzt, haute nun mal nur die Boulevardpresse. Nach und nach aber lässt das Interesse nach: Der Klatsch aus den Königshäusern und Prominentenvillen interessiert eben doch mehr als das Lamento der mimosenhaften Zicken aus dem Webbabylon, die linke und rechte Agitation langweilt spätestens nach dem sechsten Artikel, und selbst, wer immer in die Pampe schlägt, erreicht auch nicht mehr, als dass es spritzt: manchmal unterhaltsam, na ja. Und wenn schon? Blogs müssen sterben, weil es viel zu viele gibt. Weniger ist mehr.

Blogger lieben Blogger, die Blogger lieben: natürlich sehen sie all dies völlig anders. Selbst Leute, die es besser wissen sollten, schreiben manchmal, dass sie sich jetzt fast nur noch aus Blogs informieren würden – falls sie wissen wollen, wer sie sind: Blogger. entweder sie lügen (weil sie gerne ihr Wissen über Blogs verkaufen möchten) oder sie leben bereits in einer gefährlichen Scheinwelt: Blogs sind ein winziges Fenster zum Hinterhof der Wahrheit. Mehr als heimlich kopulierende Paare sieht man dort selten.

Ach, ich kenne sie alle, diese dümmlichen Einwände: Man schreibe ja gar nicht für die Öffentlichkeit, man kommuniziere schließlich mit anderen und was dergleichen Selbstbetrug mehr ist: Wer nicht für die Öffentlichkeit schreibt, kann ein Tagebuch führen und es gut in einer Schublade verschließen, und wer über eines dieser simplen Themen kommunizieren will, die in Blogs ständig behandelt werden, den muss man fragen, ob er nicht besser mal in die Kneipe, zu einem Diskussionskreis oder zur Volkshochschule geht – notfalls täte es zumeist auch der Friseur.

Dabei verkenn ich nicht, dass Blogs nützlich sein können: Für Menschen, die ihre Dienstleistungen verkaufen wollen, ist der Plauderton der Blogs ideal. Auch Firmen, soziale Organisation und nicht zuletzt Schriftsteller können mit Blogs an Popularität gewinnen.

Zum Schluss des Geblubbers heute noch ein Wort zu den Sexblogs: Ihr habt auch sinnlose Sorgen gemacht, liebe Gutmenschen. Solche Dinge sprießen aus dem Boden, werden vom Rindvieh abgefressen und manchmal dabei auch nachgedüngt, um bald wieder zu verschwinden. Um die meisten ist es nicht schade. Nur literarisch interessante Erotikblogs oder erotische Nachrichtenblogs werden überleben – und selbstverständlich die Blogs der Erotikdienstleister. Sie haben den Wert der Blogs längst erkannt, um sich bei vorhandenen oder potenziellen Kunden im Gespräch zu halten.

Ich habe aufmerksam verfolgt, wie der Bettflüsterer auf die Jahrmarktsbühne gegangen ist, habe seine Parade dort gesehen (schneidig, am Anfang mit den üblichen Miezen) und habe gesehen, wie er seine Bude letztlich immer voll gekriegt hat. Er ist dabei sehr geschickt in die Lücke gesprungen, die der Schmuddelblogger hinterlassen hat. Aber auch er hat (wie so viele andere) den Fehler gemacht, zwischen seinem wirklichen Leben und seinem Blog nicht genügend Distanz zu wahren. Als er es so klar wurde, dass er keinen Ausweg mehr sah, wie aus dem „ausgestrichenen“ Artikel vom 19. November 2005 hervorgeht, hat er am 20. November sein Blog geschlossen. Ich habe mich schon damals über die Schwierigkeiten des Bloggens ausführlich ausgelassen, aber der Bettflüsterer hat es nicht verstanden, dass dieser Beitrag an viele Blogger gerichtet war, nicht nur an ihn.

Was aber passiert nun? In manchen Blogs werden in Schmalz eingelegte Nachrufe verbreitet, ind anderen Krokodilstränen geheult. Jedoch: Blogger sind – einfach Menschen. Ich erkenne dies wohl. Sie kommen und gehen, wie es Menschen so tun. Ein Kommentator bei „dark obsessions“ bringt auf den Punkt, was Blogs letztlich häufig sind: Spielzeuge für Erwachsene. Instrumente, um kurzzeitig den Kopf aus der Masse zu heben.

Da ist alles, was ich Ihnen heute zu sagen hatte. Ich wünsche weiterhin einen schönen Sonntag.

Internet-Käufe können sehr umständlich sein – aber eben auch sehr einfach. Bestes Beispiel: Victorias Secret. Der Liefertermin wird ziemlich großzügig kalkuliert : Sie haben Ihre Ware bis zum 23. Dezember. Also bestellt am 27. November, Auftragsbestätigung vom 28. November, Lieferavis am 2. Dezember mit Versanddatum 30.11. – und heute ruft mich der Paketservice an, die Ware sei da. Na bitte: Es geht doch, wenn man nur will.

Das entschädigt mich wieder etwas für die Praxis einiger so genannter „Versandhändler“, die ihre Ware überhaupt erst selbst bestellen, wenn die Kundenbestellung schon lange vorliegt – und man im Voraus bezahlt hat. Auf solche Penner kann man nötigenfalls verzichten.

Nein, sie haben nicht gefragt, aber die Antworten sind einfach: Mein Open Office (das ich für englische Texte benutze) war abgekracht, und dann stelle sich heraus, dass alle meine Norton-Programme sich nicht mehr aufrufen ließen und mein Direktzugriff zu IBM war auch nicht mehr verfügbar.

Also habe ich zwei Nächte lang gebastelt, um alles wieder Hinzukriegen. So einfach war es nicht: Mein Norton Anti-Virus stammte von der IBM, Norton System Works war selbst erworben. Bis ich alles wieder legal zusammengefieselt hatte, dauerte es eben.

Außerdem bastele ich nach wie vor an meiner Zukunft – und daran, meine Wohnungen zu verkaufen. Der Wegfall der Eigenheimzulage scheint sehr, sehr wenige Menschen zu interessieren.

„Sex ist eine gute Gabe Gottes“ – nein, das ist nicht von mir, sondern von Desmond Tutu, und Nacktheit ist zwar keine Gabe Gottes, sondern eine Folge der Evolution, die und den Großteil unserer Körperbehaarung verlieren ließ.

Wer jemals eine Bibel gelesen hat, weiß, wie wichtig der Sex ist: Es ist Gottes wichtigster Auftrag an den Menschen – ich denke, ich muss dies nicht dauernd zitieren – lesen sie es in der Genesis bitte selber nach, wenn es sie interessiert. Diesem Auftrag werden manche anderen Gesetze untergeordnet: Das erste Gesetz greift, auch, wenn andere dagegen stehen, wie zahlreiche Beispiele beweisen: Am populärsten ist wohl das der Töchter des Lot.

Nun aber scheint die Revolution ausgebrochen zu sein, und zwar ausgerechnet in Bayern, genauer gesagt, im Nürnberger Stadtteil Katzwang. Dort hat die Pfarrjugend zusammen mit einem Fotografen einen Kalender herausgegeben – mit den einschlägigen biblischen Szenen, und zwar, wie verlautet und teilweise im Internet zu sehen ist, zum großen Teil nackt.

Das alles wäre kein Problem, wenn die Kirche so etwas wie Demokratie kennen würde – denn selbstverständlich ist es christlichen Jugendlichen unbenommen, ihr Bibelverständnis so darzustellen, wie sie es sehen.

Doch die Katholiken sehen das Mal wieder völlig anders: Der Kardinal Wetter ließ durch seinen Sprecher bereits verkünden, es sei „nicht die richtige Form, sich mit der Heiligen Schrift auseinander zu setzen, indem man die Hosen runterlässt“.

Jawoll, Herr Kardinal, wie haben verstanden. Jawoll, jawoll. Und deswegen ging an die Glaubensbrüder von der Konkurrenz auch gleich noch die Aufforderung sich mit dem Vorfall zu befassen, wenn man denn die "intellektuelle Kraft" dazu habe. So, und nun wissen wir auch noch, was der evangelische Kirche fehlt, wenn sie sich toleranter gibt als die Katholen: intellektuelle Kraft. Na bitte. Oder nochmal: jawoll, Herr Kardinal?

Doris Marszk schreibt in der WELT einen Artikel über Menschen, die sich in etwas höherem Alter verlieben – und führt aus, was anders ist als in der Jugend. Sie hat es gut recherchiert und mithilfe des Familientherapeuten Ragnar Beer auch verdeutlichen können, wie Alt und Jung zwar ähnliche Gefühle haben, aber eben doch nicht die Gleichen. Dies trifft in jedem Fall zu:

„Eines aber ist anders als in jungen Jahren: Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Es wird einem klar, dass man nicht ewig leben wird“.

Aus persönlicher Erfahrung mag ich hinzufügen: Und noch eines wird einem klar - dass man sich nicht ständig neu entscheiden kann.

In weiß nicht, ob Ihnen dies jemals aufgefallen ist. Zeitzeugen werden, jedenfalls in Deutschland, immer bemäkelt.

Zuerst sind sie viel zu jung, um Zeitzeuge zu sein. Dann waren sie gerade in der Pubertät – da hatten sie natürlich etwas anderes im Kopf als Zeitzeugnisse abzugeben, und überhaupt sehen Jugendliche die Welt mit ganz anderen Augen, man sollte doch mindestens dreißig Jahre sein, um eine Beurteilung des Zeitgeschehens abgeben zu können. Sind sie dann dreißig, sind sie entweder immer noch zu jung, weil ihnen der Erfahrungsschatz weiterhin fehlt, um etwas beurteilen zu können, oder sie sind gerade mir Ehe und Familie beschäftigt und haben deshalb den Zeitbezug verloren. Mit 40 ergäbe sich vielleicht gerade einmal eine Lücke, in der ihnen die Gesellschaft zutrauen würde, Zeitzeuge zu sein, doch da waren sie ja in Karriere, Scheidung oder beides engagiert, sodass ihnen wieder der Blick verstellt war, Zeitzeuge zu sein, und das geht mindestens bis 50, wenn sie da nicht gerade nach persönlicher Neuorientierung streben, und ab 60? Ach, da können sie doch gar nicht mehr beurteilen, was die Jugend und die Mittelgeneration überhaupt denkt – sie sind als Zeitzeuge schon viel zu alt.

Überhaupt: Sagen sie mal, welchen Zugang haben sie denn überhaupt dazu? Ach, sie haben nichts studiert, was sie dazu qualifizieren würde, Zeitzeuge zu sein? Ja sagen Sie einmal, wie kommen Sie dann überhaupt dazu, die Entwicklung der Gesellschaft zu beschreiben? Das bitte, lassen sie blutiger Amateur besser bleiben. Und überhaupt – pah! Zeitzeugen! Haben wir nicht gelernt, dass erst die Geschichte Antworten geben wird? Das hatte doch der hagere, mit Mühe entnazifizierte alte Geschichtslehrer gesagt, nicht wahr? Und dann wollen Sie die Antworten schon jetzt haben? Da können wir nur den Kopf schütteln.


Sehen Sie – das alles habe ich gehört. Warum nur haben die Menschen ausgerechnet vor Zeitzeugen so viel Angst, das sie sich Scheinargumente einfallen lassen, um sie zu diffamieren?

Ein intensiver Zungenkuss unter Damen – nun, spitzt sich da schon manches andere Mündchen?

Noch ein Weihnachtsgeschenk:

Die schwiegermuttersichere Stange für den Strip im Wohnzimmer. Zerlegbar ist sie, und schnell im Wohnzimmer aufgebaut – und natürlich ebenso schnell wieder abgebaut, die Stange für den Strip, besser als „stripper pole“ bekannt.

Freilich: Erotik geht auch ohne Strip, und Strip geht auch ohne Stange. Aber vielleicht wagt es die Hausfrau ja, Sylvester einmal vor Gästen aufzutreten. Vielleicht macht Tante Mienchen und Cousine Walburga dann auch noch mit.

Via YesbutNobutYes

Früher, ja früher … das waren noch Zeiten. Da sprachen die Soziologen zwar soziologenchinesisch, aber das machte nichts, denn der Rest der Bevölkerung sprach ja noch ein brauchbares, verständliches Bürgerdeutsch, mit dem jeder etwas anfangen konnte.

Heute hingegen reden viele von uns Soziologenchinesisch. Erstens klingt es sehr gebildet, und zweitens will man ja dazugehören. Zu wem? Na zu den Leuten, die was sind, die was können und die was wissen. Dabei sollten wir eigentlich diese Unsprache bekämpfen und alle Bücher, die in dieser Weise geschrieben wurden, in ein Kuriositätenkabinett verbannen. Wer selber schreibt, der weiß: Fast alles, was der Soziologe an Kürzeln von sich gibt, kann man in einfachen Sätzen auch auf Deutsch schreiben. Freilich müssten sich die Damen und Herren Soziologen sich dann beim Schreiben ein wenig anstrengen – aber das liegt ihnen nicht besonders.

So kam denn durch Soziologen und Psychologen das monströse Doppelwortgebilde „soziale Kompetenz“ auf den Markt der Sprache. Es besteht aus einem Begriff, der im Deutschen eine vielfältige Bedeutung hat, nämlich „sozial“ und ein Wortungetüm, der „Kompetenz“. Das Wort hat bezeichnet zwar eindeutig die „Zuständigkeit“, erzeugt aber im Hirn kaum Nachklang. „Zuständigkeit“ erinnert an Behörden, nicht an Verantwortung. Sie bemerken schon: „Zuständigkeit“ und „Verantwortung“ – die Sprache derer, die keine ganzen Sätze bilden können.

Das Wort „Kompetenz“ hat man sich für die Kombination ein bisschen zurechtgebastelt, damit die „soziale Kompetenz“ gelehrter klingt. Eigentlich müsste es nämlich „soziale Fähigkeiten“ heißen – aber wer will als Wissenschaftler schon mit einem so lapidaren Wort wie „Fähigleiten“ um sich werfen? Ächz – so etwas Profanes! Fähigkeiten! Die hat doch jedes Kindermädchen.

Beim Stichwort „Kindermädchen“ kommen wir der Wahrheit allerdings sehr nahe. „Soziale Kompetenz“ hat nämlich, wer die Fähigkeit besitzt, sich selbst und andere im Umgang miteinander positiv zu beeinflussen, in vulgo: Wer gut mit Menschen umgehen kann. Außer dem Kindermädchen trauen die meisten Menschen so etwas eher den Frauen, und unter ihnen eher den einfacher gestrickten Frauen zu: Kindermädchen eben. Es sind Grundfähigkeiten, die sich ausbauen lassen, zum Beispiel dadurch, dass man eine etwas feinsinnigere Gesprächsführung erlernt – also seine Fähigkeiten in menschlicher Kommunikation verbessert. Das ist schon beinahe alles.

Man kann es freilich auch so ausdrücken (und jetzt nur für Kompetenz): Es sind also „Kompetenzen Dispositionen selbstorganisierten Handelns, sind Selbstorganisationsdispositionen.“ Sehen sie, und nun merken sie schon: Das versteht das Kindermädchen nicht. Soll es auch nicht, denn die Damen und Herren Wissenschaftler können ja nicht zugeben, dass sie im Grunde genommen von dem, was sie beforschen, selbst nicht viel verstehen, also müssen sie es schwer verständlich machen, damit es andere auch nicht verstehen.

Wenn sie denn wirklich wissen wollen, was Erpenbeck und von Rosenstiel meinen (es ist mir piepschnurzegal, was die so meinen) dann schreibe ich es ihnen hier zitierend auf:

„Als die Dispositionen, kommunikativ und kooperativ selbst organisiert zu handeln, d.h. sich mit anderen kreativ auseinander- und zusammenzusetzen, sich gruppen- und beziehungsorientiert zu verhalten, und neue Pläne, Aufgaben und Ziele zu entwickeln“. Das klingt schon beinahe danach, als wollten sie es wirklich erklären.

Gucken wir noch mal kurz ins deutsche Wikipedia, dann finden wir dort dies:

„Soziale Kompetenz bezeichnet den Komplex all der persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, die dazu beitragen, das Beziehungsverhalten von einer individuellen auf eine gemeinschaftliche Handlungsorientierung hin auszurichten und dabei auch das Verhalten und die Einstellungen von Partnern in diesem Sinne zu beeinflussen. Sozial kompetentes Verhalten verknüpft die individuellen Handlungsziele von Personen mit den Einstellungen und Werten einer Gruppe“.

Na, dann richten sie sich mal schön aus, Herr Wikipedia-Schreiber, und verknüpfen sie mal. Ich will nicht verkennen, dass sich diese Leute wenigsten bemühen, die Einstellung der Leser zum Thema in positivem Sinne zu beeinflussen, um in der Sprache des Schreibers zu reden.

Was die Mädchen und Jungs aus der Soziologie- und Psychologiebranche uns selten sagen: Sie übersetzen aus einem einfachen Englisch und ein wüst kompliziertes Scheindeutsch: „social skills“ heißt gar nicht anderes als „Fähigkeiten, gemeinsam zu handeln und darüber hinaus andere davon zu überzeugen, dass dies zum Erfolg führen wird“. Man kann es noch blumiger ausbauen, und wenn man einmal den englischen Wikipedia-Text in ein schönes Deutsch übersetzen würde, dann wäre schon viel getan.

Doch bis wir einmal dort sind, wird ein weiter, steiniger Weg vor uns liegen: Bis dahin werden deutsche Geisteswissenschaftler wohl alles tun, um sich wenigsten sprachlich vom gemeinen Volk abzusetzen – vielleicht, damit ihnen morgen das Kindermädchen nicht sagt: „Das weiß ich aber besser als Sie, Herr Professor“. Nötig wäre es jedenfalls hin und wieder.

Support World AIDS Day

Blogger erkennt man bisweilen daran, dass ihnen jedwede Maßstäbe abhanden gekommen sind. Sie greifen auf, was sie im Internet aufschnappen, und nehmen es meist ohne weitere Prüfung des Informations- und Wahrheitsgehalts in ihr Blog auf. Dies trifft natürlich vor allem dann zu, wenn sie schon mit Hass vorgeheizt sind.

Diesmal trifft es „Du bist Deutschland“. Wir wissen seit Langem, wie hasserfüllt der größte Teil der deutschen Politblogger, namentlich die Retrolinken und Salonsozialisten, diese Kampagne bekämpft – so stark, dass man sich manchmal fragt, wer eigentlich die Steuermänner und Steuerfrauen im Hintergrund sind, die diese Anti-Kampagne lenken.

Nun will man entdeckt haben, dass angeblich die Nazis diesen Spruch verwendeten. Es ist nicht einmal eine Publikation, auf die man sich beruft, sondern ein simples Foto, das ein Transparent zeigt, auf dem "Denn du bist Deutschland" zu lesen ist. Wer auch nur einen kleinen Schimmer von Geschichtsbewusstsein hat, weiß natürlich, dass die Nazis und ihre Presse sämtliche Kombinationen von „Deutsch sein“ mit positiven Attributen missbraucht haben – und so eben auch ein einiges Mal (soweit bekannt) in Ludwigshafen.

Nun mag Ludwigshafen eine bedeutende Industriestadt sein – aber sie kann nicht stellvertretend für das ganze Deutschland stehen, und außerdem – ohne Hitler-Porträt (wie man deutlich sieht, fehlen die Nazi-Embleme) wäre dies ein ganz gewöhnliches Bild, das niemals Aufmerksamkeit erregt hätte.

Die Leute, die sich heute Gedanken darüber machen, ob dies nun eine Photoshop-Fälschung ist sollten sich Gedanken machen, ob das Bild nicht schon im Entstehen verfälscht wurde: Das Hitler-Porträt steht offenbar separat, und es gehört nicht zum Banner – aber das interessiert nur am Rande.

Was wirklich stört, sind die deutschen Ohnemichels, die erst mal ihr „anti“ in die Welt hinausdröhnen. Man mag „nein“ zur Kampagne „Du bist Deutschland“ sagen – das ist diskutierbar. Aber als Deutscher kann man nicht „nein“ zu Deutschland sagen und nicht „nein“ zu Europa, nur weil es einem gerade in die linksgerührte Suppe passt – das wissen natürlich auch Sozialdemokraten und sogar andere politisch Interessierte, die noch weiter links stehen. Es ist merkwürdig, dass sie dazu schweigen.

Was mich nun aber ganz besonders stört: dass so viele Blogger diese ungeheuren Mengen an Energie dafür verwenden, Hass zu sähen – ohne jeglichen Realitätssinn und ohne Augenmaß und allzu oft auch mit Geschichtsscheuklappen. Könnten sie diese Energien nicht produktiv verwenden?

Immerhin findet nun sogar Herr Hauesler (Spreeblick) mahnende Worte an die voreiligen Verächtlichmacher. Indessen war er einer der Ersten, die das Feuer des Hasses gegen die Kampagne „Du bist Deutschland“ entfacht haben. Inzwischen rät er allerdings, „dass man auf dem Teppich bleiben sollte und dass allein die Veröffentlichung in diversen Foren und Blogs schon dazu reichen sollte, um mal wieder über die verschwindenden Grenzen zwischen Propaganda und Marketing nachzudenken“.

Vielleicht dämmert es inzwischen manchem Blogger, was der Unfug, der mit Blogs derzeit betrieben wird, anrichten kann, und auch Hauesler hat in diesem Fall ein Janusgesicht: Die Presse liest Spreeblick, und der Name des Johnny Hauesler wird in den meisten dieser Artikel nicht als weiser Mahner, sondern als namhafter Initiator der angeblichen Sensationsmeldung genannt – der Ruhm, so scheint es, beginnt seine Kinder bereits auszufressen.

Natürlich wissen wir: Blogger sagen immer nur die nackte Wahrheit und nichts als die nackte Wahrheit. Außer denen, die es nicht tun. Die etwas unterbelichteten unter ihnen lügen einfach, dass sich die Balken biegen und die etwas intelligenteren schreiben die Wahrheit in eine andere Qualität um.

Also: 821 edle Blogger wurden befragt, warum sie denn ihr Blog führen würden. etwa ein Drittel, gab dabei an, sie „wollten ihre besonderen Kenntnisse auf einem bestimmten Fachgebiet“ darstellen und ein weiteres Drittel wollte die „eigenen Gedanken aufzeichnen“.
Fein, fein. In einer anderen Wahrheitsqualität heißt dies, dass sich Blogger, die auf ihrem Fachgebiet eigentlich nur wichtig tun wollen, mehr und mehr der Blogs bedienen, und dass diejenigen, denen niemand mehr zuhört, weil sie überall nerven, alles in Blogs hinein verwursten.

Oder sollte ich mich irren?

Der Großteil der Weblogs, das wissen wir inzwischen hinlänglich, dümpelt vor sich hin. Auch die Presse entdeckt es ab und an und schreibt gerne Artikel darüber. Doch bitte: Wen Blogs das tun, was diese Schreiberin meint, dann dümpeln sie wirklich – das heißt, sie bewegen sich nur mäßig. Das Wort bedeutet eigentlich rühren oder einfach nur „mäßig bewegen“. Ein Tümpel hingegen ist ein stehendes Gewässer. Manche Blogs sind es auch, und auch ein paar von meinen gehören dazu.

Die „WELT“ schreibt heute, dass die neue Kanzlerin „die erste wirklich zivilgesellschaftliche Regierungserklärung in der Geschichte der Bundesrepublik abgegeben“ habe. Das mag etwas übertrieben sein, und doch erinnert man sich ein wenig an Willy Brandt. Er sagte einst, wir müssten „mehr Demokratie“ wagen – das haben auch tatsächlich einige von uns mit großem Erfolg getan. Nun heißt es, „mehr Freiheit zu wagen“, und auch dem ist kaum etwas hinzuzufügen: Lasst uns etwas von dem abbauen, was uns hindert, unsere geistige, emotionale, soziale und vor allem wirtschaftliche Kraft zu entfalten.

Bei der geistigen Kraft geht es vor allem darum, die Fortschrittshemmungen abzubauen, die dem deutschen Geist meist innewohnen. Hoffentlich gelingt dies unseren so genannten „Intellektuellen“ Geisteswissenschaftlern endlich einmal. Bei den emotionalen Kräften haben wir leider in der Vergangenheit fast alle ein bisschen abgebaut, weil wir uns mit Scheinaktivitäten und Computergedöns voll gedröhnt haben. Wir müssen vor allem den Bloggern sagen: Es gibt kaum eine wirkliche soziale oder emotionale Kommunikation via Blogs, es ist eine scheinbare Kommunikation, die möglicherweise dazu führt, Kunstwelten aufzubauen und zu betonieren – und das kann sehr gefährlich sein.

Sozial? Die neue Gerechtigkeit ist längst fällig. Die Menschen der Mitte, sei es nach Jahren oder nach Einkommen, tragen die Last aller. Daran sind sie oft nicht selbst schuld: Den Älteren wird es schwer gemacht, sich erneut zu bewähren und den Jüngeren wird es viel zu leicht gemacht, sich nicht bewähren zu müssen. Bei den Menschen am unteren Rand des Einkommens gibt es zudem zwei Gruppen: Menschen in Not und Nutznießer der Leistungen, die eigentlich für Menschen in Not reserviert wären. Wären wir Soziale gerecht, so müssten wir dringend dafür sorgen, dass beide nicht im gleichen Licht betrachtet würden, denn sonst machen wir uns an jenen schuldig, die all unsere Unterstützung brauchen.

 

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