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Was für eine Inszenierung! Eine Deutsche, entführt im Orient, und dazu noch vor Weihnachten, eine Zeit, in der man sonst bestenfalls über klingende Kassen oder das Christkind schreiben kann. Da kann man es Gerüchte regnen lassen, und auch mit Gefühlen muss man nicht geizen – ach, was für eine schöne Zeit.

War es eine Inszenierung? Wenn ja, wer hat sie veranlasst? Und für wen? Wer hat bei all dem gewonnen, wer verloren? Wir wissen es nicht. Wir wissen, im Grunde genommen, viel zu wenig: außer, dass uns alles irgendwie unverständlich blieb, und wir können uns das Maul zerreißen – egal, in welche Richtung: alles stimmt immer, denn schließlich wissen wir gar nichts – und das ist vielleicht auch gut so.

Was immer über diese Frau Osthoff geschrieben wurde: Jedes Wort ist zuviel, war zuviel und wird zuviel sein. Je eher man wieder über sie schweigt, umso besser.

Wenn sie damals hereingekommen wären, dann wäre aus der uralten Musikbox wahrscheinlich Edith Piaf hervorgequollen, ganz hinten hätte George, der Autor, gesessen und mit einem amerikanischen Botschaftsangestellten Schach gespielt. Das taten die beiden fast täglich. Rechts hätten sie die Stricke des Henkers sehen können, drei an der Zahl, vor einem Wandgemälde, auf dem Huren, Verbrecher und fahrendes Volk zu sehen war – und ganz hinten, wo der Wirt oft mit seinen Gästen saß, eine „goldene“ Grotte. Sie hätten Rotwein „mit Berg“ trinken können und vielleicht hätten sie später eine Zwiebelsuppe gegessen. Nur wenn sie als Paar hingekommen wären, hätten sie sich besser nicht zu intensiv geküsst – dann wäre die junge dunkelhaarige Wirtin gekommen und hätte sie darauf hingewiesen, dass sie dies in ihrem Lokal nicht gerne sehen würde. Man wollte kein Knutschlokal werden, sondern einen Traum verwirklichen: Eine Heimstadt für die Bremer Kinder des Olymp, weshalb man den Ort denn auch den „kleinen Olymp“ taufte.

Zuerst verschwand die Musikbox, dann die Stricke, und schließlich begann wohl eine schwere Zeit, als der Niedergang des Schnoors und seiner Lokale schon beschlossene Sache schien. Doch heute lebt das Lokal wieder, und sie sehen immer noch die gleichen Bilder, etwas aufgehellt, seltsam glänzend, aber eben immer noch die alten Motive.

Man hat sich eingerichtet auf bremische Gesellschaften und vereinzelte Paare und betreibt eine gepflegte Bremer Küche, und obgleich alles ganz ähnlich aussieht, sieht es doch so anders aus. Nur manchmal, wenn der Blick auf das fahrende Volk und die Hurchen fällt, die an den Wänden jetzt so merkwürdig glänzen, dann glaubt man, Edith Piaf zu hören. Und man sieht sie wieder, die blechern klingende Musikbox, die ihr „Non, je ne regrette rien“ in lauten Mittellagen in den Raum klirrte. Wer so verträumt dasitzt, dem sagt die Wirtin dann auch einmal leise: „Den Rotwein mit Berg können sie immer noch bekommen – sie müssen ihn nur verlangen“.

Mag sein, dass Jugendliche wenig differenzieren, und doch sie dies vermerkt: Angesicht der in einer Hamburger Seitenstraße nahe der Davidswache auf Kundschaft wartenden Damen bemerkte ein ungarischer Gymnasiast, „ach, so sehen in Hamburg Huren aus? Bei uns laufen doch all die jungen Frauen so herum“. Nein, kein Kommentar - gerade heute sah ich einige junge Frauen in einem Einkaufszentrum in Budapest, deren Rocklänge in keinem geeigneten Verhältnis zur Witterung stand.

Was hatten Sie sich doch gleich vorgenommen? Nehmen wir einmal an, sie wollten im neuen Jahr ihre Traumpartnerin finden, dann sage ich Ihnen dies: sie können gar nicht so viel schlafen, wie sie träumen müssen, um ihr auch nur zu begegnen.

Finden Sie nicht, dass es Zeit ist, mit den Dummejungenspäßchen aufzuhören? Von honigsüßen Frauen zu träumen, mit einer schnellen Karriere zu Ruhm und Macht zu kommen oder gar Visionen vom Leben zu haben?

Bleiben wir mal bei diesen honigsüßen Frauen: Wenn es sich nicht ohnehin extrem neurotische Zicken sind, dann sind sie anstrengend, und wenn sie nicht anstrengend sind, dann sind sie teuer. Doch wozu wollen sie diese Gezumpel überhaupt? Sobald die Klamotten einmal runter sind, werden Sie sehen, dass sie eigentlich nichts versäumt haben – und was die Qualität angeht, da hätten sie es vielleicht besser mit der Wurstwarenverkäuferin getrieben.

Karrieren? Je mehr sie eben jene anstreben, umso mehr verkoten sie ihr Hirn mit Dummsprüchen. Machen sie ihren Job, und machen sie ihn, wenn möglich, optimal und reden Sie einfach, klar und präzis mit jedem Menschen ohne Rücksicht auf seine Stellung oder Funktion. Vor allem aber: Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche und hören sie nicht auf den Büroklatsch, die Unkenrufe oder irgendwelche zirpenden Lerchen aus dem vierten Stock – machen sie einfach, was Sie für richtig halten.

Sie wollen etwas für ihre Zukunft tun? Falls sie Visionen haben: Konsultieren sie so schnell wie möglich einen Nervenarzt. Was sie nicht wenigstens als Skizze auf einem Bierdeckel entwerfen können, ist keine Perspektive für Ihr Leben, sondern ein Fall für den Papierkorb. Wenn sie es aber beschreiben können: Führen Sie ihren Plan aus, und werfen sie vor allem ihre Scheuklappen weg – es gibt nicht nur den Ort, an dem Sie geboren wurden, sondern ein sehr interessantes Deutschland, in dem man sie jetzt braucht, und ein überaus aufregendes Europa, in dem sie ihren Platz finden könnten.

Natürlich können Sie mit dem jungen Mädchen, das Ihnen gerade in Aussicht gestellt hat, auf dem väterlichen Grundstück auf der schwäbischen Alb ein Eigenheim zu bauen und dort bis ans Lebensende mit ihnen ein stilles Glück zu verbringen, Ihr Leben verpfänden – fragt sich nur, welchen Wert die Sache auf Dauer hat. Die Welt ist voller Erfahrungen, die Sie jetzt machen könnten: Fremde Länder, andere Kulturen, neue Chancen und selbstverständlich auch Frauen, die sich einen Mann für ein Leben mit einer Familie wünschen ohne ständig neue Ansprüche nachzureichen.

Wenn Sie das Glück in Händen halten: Oh, dann halten sie es fest. Falls Sie sich aber nicht sicher sind: Es gibt andere Wege zum Glück, als in der Vorstadtsiedlung zu verkommen, auf der schwäbischen Alb zu vereinsamen oder Monat um Monat mit Anspruchsfrauen, Zicken, Nörglerinnen oder Schwarzseherinnen zu verbringen – etwas Besseres als das finden Sie überall.

In diesem Sinne: Ein gutes 2006 an alle, die es betrifft.

Beinahe hätte ich mich eingemischt, doch dann beschloss ich schnell, in meine Lieblingsrolle zu verfallen: die des Zuhörers.

Die Dame, die da in im Basler Schweizer Bahnhof zustieg, hatte Ambitionen, noch den Jackpot zu knacken und hatte zu diesem Zweck noch einen Lottoschein ausgefüllt – deswegen sei sie nochmals umgestiegen, so sprach sie die silberhaarige ältliche Mädchenfrau mit Pagenkopffrisur an ihrer Seite an. Ja, was sie denn wohl mit dem Geld anstellen würde, wenn sie denn gewänne? Oh, sie würde einen Verlag gründen. Würde Autorinnen und Autoren verlegen, die sonst keine Chance hätten – und dann, nach einer Pause. „Vor allem eigene Bücher“. Sie schrieb also, ließ aber offen, was sie schrieb, sagte aber, sie sei Schriftstellerin – so wie alle damals auf der Uni - ja, alle, alle seien Autoren geworden.

Ein verklärter Blick – ja, früher, da habe sie übersetzt, habe auch ein Diplom – große Literatur, verstehen sie, ins Neugriechische. Die Silberhaarige wollte wissen, wo sie denn ihre Kurzgeschichten veröffentliche – sie hatte im Inneren die große Literatur wohl inzwischen auf den Alltag herunter gebrochen. Nein, nein, sie schriebe Romane, keine Kurzgeschichten, historische Romane, aus der Zeit von Zarin Ichweißnichtmehrwer, aber es kann auch durchaus eine andere Zeit oder eine andere Herrscherin gewesen sein.

Nach ein paar Minuten landete man bei den Gebrechen und jenen, die früh verstorben waren – das bevorzugte Thema ältlicher Damen, aber nicht unbedingt von Autorinnen, doch immerhin erfuhr ich noch kurz vor Zürich Hauptbahnhof, dass der Beruf der Dame Bibliothekarin war und sie gerade jetzt einen neuen Arbeitsplatz suchte.

Ob sie im Lotto gewonnen hat? Ich wünsche es ihr von Herzen: Eine mittlere Summe aber bitte, damit sie nicht auf die Idee kommt, wirklich einen Verlag zu gründen.

Das neue Jahr ist still aus dem Ei gekrochen. Ich wünsche Ihnen und mir, dass es ein wunderschöner bunter Vogel wird – und Ihnen wünsche ich viel Luft unter den Schwingen.

Die astronomische Wintersonnenwende ist schon vorbei – im deutschen Süden wird der Tag ja stillschweigend übergangen, und im Norden geht man eher zögerlich damit um.

Die Germanen feierten das Julfest einige Tage nach der Wintersonnenwende als Friedens- und Freudenfest, als Fest des Lichtes und der Gastfreundschaft – und die Menschen in den skandinavischen Ländern feiern es immer noch unter dem gleichen Namen: Jul – so sage auch ich heute mal ganz skandinavisch: God Jul.

Mögen sich ihre Herzen öffnen für den Frieden, die Freude, das Licht und den Fremden.

godjul

(C) 2005 by sehpferd

Apollonia Margarethe hat sie geheißen, gelähmt seit ihrem zweiten Lebensjahr, so dass sie die Welt aus dem Rollstuhl erleben musste. Dennoch ging sie zur Schule (was für die damalige Zeit nicht eben die Regel war, wenn man gelähmt war) und brachte es zu einem kleinen Geschäft für Filzwaren in Giengen an der Brenz. Heute kennt ihren Nachnamen jedes Kind: Steiff. Und der kleine Laden für Filzwaren ist zum Plüschtierimperium geworden. Freilich ist es nicht der Gründerin allein zu verdanken, sondern auch ihrem Neffen, dem Erfinder des „PB55“, besser als „Teddybär“ bekannt.

Der Rest ist Legende: Ein Amerikaner kaufte eine stattliche Stückzahl, und einige landeten auf der Hochzeitstafel der Tochter von Theodor Roosevelt – und weil der sich „Teddy“ nennen ließ, bekam der Bär den Namen: Teddybär.

Nein, ich werde nicht fragen, welches Mädchen heute noch nähen lernt, selbst Kleider entwirft – und vielleicht dabei eine jener neuen Ideen generiert, die wenigstens zehn Jahre überdauert – von 125 will ich gar nicht reden so lange existiert die Firma, und den Teddybär gibt es bereits seit über 100 Jahren.

Der Unterschied zwischen einer perfekten Dienstleistung und dem „, was üblich ist und vom Kunden erwartet werden darf“ ist die Differenz zwischen Kundenzufriedenheit und Kundenverärgerung. Das Speditionsunternehmen, mit dem ich es gerade zu tun hatte, scheint jedenfalls dieser Devise zu folgen. Ein Wort wie „Service“ kommt in ihrem Vokabular offenbar nicht vor – und zwar weder gegen Geld noch gegen gute Worte.

Nun, der Herr Disponent, der mir schon einmal beschieden hatte, wie sich ein Kunde nach Meinung eines deutschen Spediteurs zu verhalten hatte, erwies sich diesmal als lammfromm: Offenbar hatte seine Kundin ihn entsprechend bearbeitet: Ja, selbstverständlich würde man die Kartons jederzeit gerne abholen – nur müssten sie dann eben aufgereiht zu ebener Erde stehen, was, wie schon im Vorfeld bekannt war, eben nicht möglich ist.

Das gedehnte „Ja dann – dann müssen sie einen Möbelspediteur nehmen“ kannte ich schon aus einem vorausgegangen Gespräch. Vielen Dank für den Tipp, Herr deutscher Speditionsdisponent – ich wäre ja vielleicht sogar auf diesen scheinbaren Hinweis zum Besseren eingegangen, wenn ich nicht bereits versucht hätte, den örtlichen Möbelspediteur zu motivieren, die mir ja nur eingelagerten 30 lächerlichen Kartons (es handelt sich nicht um Möbel) nach Finnland zu transportieren – Fehlanzeige auf der ganzen Linie. Möbelspediteure kümmern sich offenbar nicht um solche Kinkerlitzchen. Sollte ich noch erwähnen, dass ich zwei geschlagene Tage auf den LKW gewartet habe? Einmal, weil der Fahrer vormittags kommen wollte, dann nachmittags kam, und doch nichts Transportierte und ein zweites Mal, weil mir ein Anlieferungsfahrzeug mit zwei Leuten für den nächsten Tag zugesagt wurde? Es muss diesen Disponenten offenbar Spaß machen, wenn sie mit Kunden solche Scherzchen treiben können – das Anlieferfahrzeug mit zwei Leuten hätte es nämlich auch dann nicht gegeben, wenn die Auftraggeberin es bezahlt hätte.

Nun ist mir die Arroganz von Spediteuren seit Jahren bekannt –ich erinnere mich noch an die feisten, herumlümmelnden Angestellten eines jener „amtlichen Bahnspediteure“ der Vergangenheit, der einen Aufstand mit mir veranstalteten wollten, weil er zwei Stühle und einen Tisch vom Stuttgarter Hauptgüterbahnhof nach Untertürkheim befördern sollten – schließlich hat sie ein Freund mit einem Kombi befördert.

Das Fazit: Deutsche wollen einfach keine Dienste leisten. Und der Ausblick: Ausländer werden es tun – zu wesentlich günstigeren Preisen.

Bei mir persönlich ist es so, dass ich jetzt Leute zum Verladen besorgen darf, die mit einem Fahrzeug den knappen Kilometer zum Lager des Spediteurs fahren – ich behalte dennoch meinen Humor, denke daran, dass ich solche Leute nicht mehr lange erttragen muss und lege das Ganze mal ab unter „Dinosaurier“.

Es gibt ein paar Versandhändler, die den Namen verdienen. Typischerweise haben sie keine oder geringe Versandkosten, stimmende Lieferzeiten und einen hervorragenden Service. Sie sind meist recht, wenngleich sie so billig nun wieder nicht sind. Schon oft erwies sich, dass der örtliche Handel das gleiche Produkt zu einem günstigeren Preis anbieten konnte.

Die strahlenden Sterne am Firmament haben allerdings ein paar schwächer leuchtende große Brüder: Manch namhafter Versandhändler, der behauptet, nur einen „Bruchteil der Versandkosten“ zu berechnen – so gegen 6 Euro zumeist, berechnet nämlich eigentlich ziemlich viel – vor allem bei kleineren Warenwerten. Unterstellen wir einmal, dass die reine Vertriebstätigkeit bei einem Einzelhändler vor Ort auch nur gleich viel kosten würde (in Wahrheit liegen seine Kosten höher) so könnten viele kleine Sendungen durchaus mit Versandkosten von EUR 3,90 (Kosten für ein kleines Hermes-Paket) abgegolten sein. Selbst das mittlere Hermes-Paket kostet nur EUR 5,90 – dies wirft ein schräges Licht auf die Händler, die auch für Kleinsendungen horrende Zuschläge verlangen – bei einem Warenwert von immerhin 60 Euro sind es noch satte zehn Prozent. (Mir ist bewusst, dass die Transportkosten nicht alle Versandkosten abdecken, aber andere Händler haben ähnliche Kosten).

Das freilich ist noch gar nichts gegen die vielen neuen „Ich-Auch“-Versandhändler: Sie bieten im Internet ganze Kataloge von Waren an, die sie gar nicht wirklich haben, sondern erst beim Großhändler oder Hersteller bestellen, wenn sie den Endkundenauftrag bekommen. Da bekommt man dann Auskünfte wie: „Wir haben den Artikel bereits für Sie bestellt und liefern ihn aus, sobald er in unserem Lager eintrifft“. Wäre es das erste Mal, dass mir so etwas passiert, so würde ich ja gerne an den Zufall glauben – aber es ist jetzt wiederholt aufgetreten, und zwar immer dann, wenn sich der tatsächliche Anbieter hinter einem Internet-Vermittler verbirgt.

Der Versandhandel täte sich einen guten Gefallen damit, mehr Offenheit an den Tag zu legen. Der Kunde will wissen, welche Versandkosten anfallen, und zwar bevor er irgendwelche Bestellformulare ausfüllt - nicht erst, wenn er die entnervenden Prozeduren hinter sich gebracht hat, die einem manche Versandhändler auferlegen. Und er will auch wissen, ob „1 – 2 Tage Lieferzeit“ bedeutet, dass die Ware spätestens am fünften Wektag bei ihm ist oder ob er noch die Versand- und Bestellzeiten der so genannten „Versandhändler“ bei ihren Lieferanten dazu rechnen muss – dann kommt man nämlich schnell auf 14 Tage. Vielleicht überlegen sich auch die vermittelnden Firmen einmal, dass sie der gesamten Branche einen Schaden zufügen, wenn sie solche Machenschaften durchgehen lassen.

Da liegt er also, der holde Knabe, mit seinen Wuschellocken, und die Gemeinde singt es so schön und so laut – und nein, nun kommt nicht etwa Joachim Ringelnatz ins Gespräch, obwohl er eben auch jenes Wort in seiner „Weihnachtsfeier des Seemannes Kuttel Daddeldu“ verwendet. Keine Frage: Das Wort heißt „hold“ und hier zum Vergleich noch einmal die Stelle bei Ringelnatz: „Und das Mädchen steckte ihm Christkonfekt still in die Taschen und lächelte hold.“

Die Leipziger Uni muss auf dem weihnachtlichen Glatteis ausgerutscht sein: Sie bezeichnet „hold“ als synonym für „hübsch“ und hat damit falsch geraten, denn es handelt sich keinesfalls um einen hübschen Knaben, so, wie auch Daddeldus Dame nicht hübsch war (wenn er dies bei dem Stand seines Alkoholgenusses überhaupt noch feststellen konnte) sondern sie war ihm geneigt: Sie wollte ihm mit ihrem Lächeln zu verstehen geben, dass sie zu näheren Begegnungen bereit war.

So ist denn „zugeneigt“ eigentlich die richtige Übersetzung oder auch „gewogen“. Ich kenne das Wort noch aus meiner Jugend, als Männer schon einmal sagten, „meine Holde“, und dies auch dann, wenn die Dame, die hier gemeint war, ihnen gerade nicht sonderlich hold war.

Da liegt er also, der holde Knabe – der geneigte Knabe, der zugeneigte Knabe, der uns gewogen ist. Das Lied will sagen, das er uns hold ist, dass wir seine Zuneigung genießen. So einfach ist das.

Die sparsamen Schwaben haben eine neue Idee, die auf den ersten Blick das Herz erfreut, und auf den zweiten den Kamm schwellen lässt: „Jugendbegleiter“ sollen in die Schulen, wegen der Ganztageschule und vielleicht auch sowieso.

Gut daran ist, dass die Schule nicht in ihrer eigenen Suppe kocht. „Hier die Schule – dort das Leben“ ist eine Einstellung, die noch nicht ganz aus den Köpfen verschwunden ist – und der sarkastische Satz: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule Lernen wir“ hat immer noch eine Restbedeutung, vor allem in Gymnasien. Also: Wenn Musiker und Zimmermänner in die Schulen gehen, ist das zunächst einmal positiv. Aber: Gehen sie überhaupt? Und wenn ja, wo wird das Schwergewicht liegen? Und letztlich: Für Gotteslohn bekommt man in der Regel nur Pfarrer, Möchtegerns und Luschen – und das will man der Jugend zumuten?

Denn so hat sich’s der Oberschwabe Oettinger mal wieder vorgestellt: “Ährenamtlich“ sollen sie schaffen, die Damen und Herren – was auf gut Deutsch heißt: Sie sollen ausgebeutet werden, indem sie für Ihre Arbeit keinen Lohn erhalten – als Gegenleistung werden sie „für den Umgang mit Jugendlichen qualifiziert“.

Lieber Herr Oettinger, darf ich sie freundlicherweise darauf hinweisen, dass wir im 21. Jahrhundert leben (ja ein-und-zwanzig) und nicht mehr im 19ten? Nur, falls Sie das gerade vergessen hatten.

Wissen Sie, woran ich denke, wenn ich an „Heimat“ denke? An einen Würstchenstand. Genau an jenen auf dem Liebfrauenkirchhof zu Bremen. Man bestellte, nachdem man sich zu einer Wurstverkäuferin durchgedrängelt hatte, eine „Braaat“, soll heißen eine Bremer Bratwurst, die eigentlich eine Thüringer Bratwurst ist, aber eine Thüringer Bratwurst ist eben etwas ganz anderes, nämlich eine Thüringer – und in der Metzgerei, die hier eine Schlachterei ist, hieß sie sowieso „Bratwurst im Schäldarm“, weil man sie vor dem Braten aus eben diesem Schäldarm befreien musste.

Man beginnt sie mit schmerzverzerrtem Gesicht anzubeißen, weil man sie stets die Lippen verbrennt, was man zwar weiß, aber nicht wahrhaben will, aber dieser erste Biss lässt soviel Wasser im Mund zusammenlaufen, dass man wieder und wieder abbeißt, bis zur Mitte, wo sich das Brötchen zum Anfassen begindet.

Nachdem man die andere Seite dann genossen hat, wird der Wurstrest im Brötchen genüsslich verspeist, wobei einem bewusst wird, das alles vergänglich ist – vor allem Bratwürste. Der letzte Biss wird von vielen Bremern mit einem Teil des Brötchens verspeist, das anschließend teils in den eigenen Magen, teils in jenen der Sperlinge gelangt, die sich hier im Winter zum großen Teil von eben jenen Wurstbrötchen ernähren.

Wenn ich an meine Heimat denke, denke ich natürlich nicht immer an eben jenen Würstchenstand, sondern auch an die Mischung von WC-Reiniger und Eau de Cologne in mancher Bremer Treppenhäusern, und schließlich an die Weser – vor allem an jenes schöne Weserwehr, dessen faszinierend veraltete Technik jetzt einem dieser nichtssagenden Zweckbauten weichen musste.

 

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