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Das wöchentliche Geblubber aus den Algen – meist sonntags

Nachdem ich eines meiner Hautthemen, die „menschliche Kommunikation“ nach sieben Jahren intensiver Beschäftigung vierzehn Jahre auf Eis gelegt hatte, um es jetzt wieder aufzunehmen, stelle ich fest, wie wenig sich in der Zwischenzeit auf diesem Gebiet getan hat. Die Situation damals gleicht dem Zustand heute wie ein Ei dem anderen: Das notwendige Erfahrungswissen wird von Hand zu Hand weitergegeben, die einzige verlässliche und genau beschreibbare Grundlage stammt nach wie vor aus der Nachrichtentechnik, die Psychologie benutzt weiterein ein fast undurchschaubares Märchen mit dem Namen „Watzlawick und die Sieben Zwergen“, wobei offenbar jeder seine eigenen Zwerge einbringt – aber der große Wurf in der Psychologie fehlt.

Mag sein, sie sind an einem solchen Thema gar nicht interessiert. Die meisten Deutschen verbinden mit dem Namen des gebürtigen Österreichers Paul Watzlawick ja ohnehin nur seine Populärliteratur – uns selbst bei vielen Psychologiestudenten habe ich den Eindruck, sie hätten die Watzlawickschen Axiome irgendwo abgeschrieben, ohne sein Hauptwerk, „Menschliche Kommunikation“ jemals zu lesen.

Vielleicht bemerken Sie an meinen Worten, dass ich mitten in der Arbeit an neuen Konzeptionen stecke. Ich erinnere mich dunkel, einst den „Schnauzer Sokrates“ als Spürhund durch die Welt der Kommunikation erfunden zu haben – das war ganz am Anfang meiner Arbeit, und es ist wohl schon dreißig Jahre her, aber ich merke, dass so ein Spürhund wieder her muss, der eine klare und eindeutige Fährte erschnüffelt und nicht gleich an jeden Baum pinkelt.

Nichts Neues auf der Welt? Ja, Verkomplizierungen. Der an sich sehr geschätzte Friedemann Schulz von Thun klebt an seine Gesichter noch zwei Extraohren dran. Vier Kommunikationsebenen sollen gleichzeitig beherrscht und möglicherweise noch selbst beobachtet werden. Das kann ich vielleicht noch theoretisch nachvollziehen – praktisch aber nicht – ich bin wahrscheinlich nicht multitaskingfähig genug. Indessen ist überhaupt nicht wichtig, was ich darüber denke – wichtig ist, ob es an der Basis vermittelbar ist – und selbst, falls es vermittelbar sein sollte – ob es die Menschen dann anwenden können, wenn sie es wirklich dringend benötigen.

Sonst noch etwas Neues? Ja, sie wissen schon. Die neueste Therapie, selbstverständlich auch auf Kommunikation anwendbar – das erhöht ihren Marktwert. Nur: Damit kann man einen Mann meines Alters nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Ich diskutiere seit den 70er Jahren darüber. Die Methoden kommen und gehen. Erst sollte ich mein Selbst in den Tiefen finden, dann sollte ich den Verstand verlieren, um zu Sinnen zu kommen, dann sollte mir Mystik Einsicht schenken und heute soll ich mein Verhalten re-programmieren. Sehen Sie, ich habe es mir geschenkt, habe statt eines Selbst eine Persönlichkeit und ein halbwegs zutreffendes Weltbild. Meinen Verstand habe ich gottlob nicht an der Betroffenheitsgarderobe abgegeben, die Mystik an den magischen Zirkel zurückverwiesen und mein Verhalten moderat angepasst, wenn es die Situation erforderte: Ansonsten bin ich nichts als ich, und das ist auch das Einzige, was ich sein will.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute einen schönen Sonntag.
 

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