anstoss

  sehpferdvs sehpferds magazin für anstöße und anstößiges
Irgendwie kam mir doch eine der Nominierten des DW-Wettbewerbs um die BOBs bekannt vor – und siehe

Bad Cover Version ist Sick Girl und Sick Girl ist Bad Cover Version.

Ich sollte wahrscheinlich mal den Rotwein weglassen – oder glauben, was ich sehe.

Beachten Sie bitte den Werbehinweis

brust

Nun sucht sie wieder, die Deutsche Welle: Die Best of Blogs.

Na schön – nach meiner Meinung im Westen nichts Neues. Jedenfalls bei den deutschsprachigen Blogs. Nominiert sind:

GERMAN
Lebensbeichte einer Tugendterroristin
kho: Bilder, Geschichten, Begegnungen
Anke Gröner
Lyssa's Lounge
Piranh@se
Bad Cover Version
argh
Riesenmaschine
das brandneue Universum

Man darf sie sich ansehen und man darf abstimmen. Aus meiner Sicht hätte etwas frischer Wind nicht geschadet – aber man kann eben nur aufnehmen, was es gibt. Was es nicht gibt, kann man nicht aufnehmen. Sinnreich, nicht wahr?

Bevor ich vergesse, Ihnen dies über Blogs zu erzählen: Wenn Jesus ein Blogger gewesen wäre, was hätte er in sein Blog geschrieben?

Das wäre in der Tat interessant gewesen. Damm hätte er mit den Nachfolgern der damaligen Schriftgelehrten (ich denke, dass sie heute Pfarrer heißen) ja mal diskutieren können, warum die Huren und Zöllner ins Himmelreich kommen, während sie selbst kaum Chancen hatten, dorthin zu gelangen, und ob sich dies inzwischen geändert hat.

Die Damen und Herren Christenblogger, die es in den USA zu Ruhm und Ehre gebracht haben, treffen sich jedenfalls dieser Tage beim 'GodBlogCon 2005'. Dicke Backen werden auch gleich gemacht: „Bloggen sei wie 95 Thesen anzuschlagen“, sagte einer der Redner.

Na denn – aber ein jeder ist eben nicht Luther. Und Blogger können auch kein Tintenfass mehr nach dem Teufel werfen – bestenfalls den Hamburger, den sie während des Bloggens mampfen.

Wobei sich die Frage ergibt: Fressen Teufel eigentlich Hamburger, oder graut es selbst den Teufeln davor?

Mit Hilfe des so genannten "Moodbloggings" liefern die Jubiiblogger ein echtes Abbild der Stimmungslage in der Community, in dem sie jedem Eintrag in ihr persönliches Online-Tagebuch eine bestimmte Gefühlslage zuweisen. Die Stimmungen der letzten 100 Einträge werden im "Mood-o-Meter" auf der Startseite der Jubiiblogs zusammengefasst, der damit auch als Navigator durch die jeweiligen Blogs dient“.

Keine Ahnung, wer solchen Schwachsinn zusammendichtet – wahrscheinlich irgendwelche Werbefritzen. Wie gut, wenn man ein „echtes Abbild der Stimmungslage in der Community“ liefern kann. Heute waren immerhin 66 Prozent der Blogger(innen) glücklich. Wie schön für die Welt, und wie schön für die Lycos-Leute, die es mit diesem Werbegag offensichtlich auf weibliche Teenager abgesehen haben.

Sie wissen wahrscheinlich, warum man in fremder Leute Bloggärten Stöckchen wirft. Nein, nicht wegen der Kommunikation. Auch nicht wegen der damit möglicherweise ansteigenden Zugriffe sonder einzig und allein, damit die arme Bloggerin oder der arme Blogger endlich wieder Schreibfutter findet. Es geht natürlich noch dämlicher: „Schlage das Buch auf, dass die am nächsten liegt, Seite 23, fünfter Satz. Natürlich muss man dazu erst einmal ein Buch besitzen (das Telefonbuch eignet sich nicht).

Sehen Sie, und nun las ich doch gerade, dass Blogger manchmal sogar zwei Artikel am Tag schreiben – die Frage ist nur: Über was?

Also: Ich mache Ihnen mal Vorschläge: Suchen Sie sich alle Wortgruppen, die häufig vorkommen, zum Beispiel (nur für Intelligenzler) Mann-Frau. Kapiert? Oder war das schon zu schwer? Dann sagen wir mal „Piep und Papp“:

piep

mein kararienvogel piep wie mein haustür

papp

mein freund sacht das ich zu sehr an ihm papp


Wobei mir einfällt, dass ich doch noch en automatischen Eintragsgenerator für Faulblogger entwickeln wollte: Wort eingeben, Satz kommt heraus. Gibt es eigentlich schon – nehmen wir an, sie hießen Anne, dann hat Googlism die Lösung für Sie:

anne is awesome = Anne ist Superklasse
anne is a bitch = Anne ist ein Miststück
anne is the greatest = Anne ist die Größte

Keine Angst – dies sind nur Beispiele. Ihr Vorrat würde für mindestens einen Monat reichen. Was? Ihnen fällt immer noch nichts ein? Dann suchen Sie sich doch einfach mit Google irgendeinen Artikel aus dem Web. Zitieren mindestens fünf Sätze daraus und schreiben darüber: „Geil, was?“ Dazu zwei kleine Hinweise: Erstens können sie wegen des Copyrights trotzdem Problemen bekommen, und zweitens müssen sie beim zweiten Artikel dieser Art die Überschrift ändern, also „schnuckelig, dies hier“. Damit kommen Sie einen weiteren Monat über die Runden. Die positiven Überschriften können sie wechseln, wenn sie eine Frau sind und über andere Frauenblogs schreiben: „Was Zicken so meinen“ (Vorsicht, könnte Beleidigungsklagen auslösen) oder, pseudointelligent, „wenn die blöde Tusse wieder PMS hat“.

Falls Ihnen auch das noch zu aufwendig ist: Titel schreiben (was für einer spielt keine Rolle), dann zu irgendeiner vielgelesenen Blogseite verlinken.

Wie bitte? Ja, sie haben Recht, damit gewinnen Sie kein Preisbloggen in der Zeit und keine Best of Blogs der Deutschen Welle, aber mit etwa zwölf Dutzend Fans können sie dennoch rechnen.

„Wer als Blogger etwas auf sich hält, liest jeden Tag mindestens 100 Weblogs und schreibt dann noch ein bis zwei Texte in sein eigenes Weblog.

Das schrieb Mario Sixtus in der „Frankfurter Rundschau“. Ich überlege gerade, wie jemand überhaupt 100 Weblogs täglich „lesen“ kann, und dann, wie derjenige dies übersteht, ohne komplett meschugge zu werden. Ach, und dann noch zwei Texte schreiben? Vorher oder nachher? Ich empfehle: vorher. Nachher könnte man ja auf die Idee kommen, dass man den großen Haufen – nun sagen wir freundlicherweise einmal „Wörter“ dazu, ja nicht noch um ein weiteres Häufchen vermehren müsste. Schließlich ist man ja kein Hund.

Offenbar sind einer großen Anzahl von Erotikbloggern, mehr aber noch vielen Erotikbloggerinen, ein paar grundsätzliche Dinge entfallen:

Der Schritt von der Privatheit zur Öffentlichkeit muss wohl überlegt werden. Ist man als Bloggerin oder Blogger einmal öffentlich, muss man auch dazu stehen – mit allen Konsequenzen.

Wenn man sein Blog als Egoblog führt, muss man damit rechnen, mit der Person, die als „Ich-Blogger“ auftritt, identifiziert zu werden. Daran ist nichts Ungewöhnliches – man muss lernen, damit zu leben.

Wer als Bloggerin oder Blogger ständig Reizworte wie „Ficken, „Schwanz“ oder „Möse“ benutzt, muss sich klar sein, dass diese Beiträge Menschen anziehen, auf die man als Autor auch verzichten könnte. Man kann entweder seinen Stil ändern oder dies als gegeben akzeptieren.

Wer sich im grellen Licht der Öffentlichkeit zu sehr seelisch entblößt, muss wissen, dass dies auch ausgenutzt werden kann. Wer es nicht erträgt, muss das Bloggen aufgeben.

Eine sehr gute Methode und ein ausgezeichneter Schutz ist immer, sich als Autor/Autorin eines mehr oder weniger literarischen Weblogs auszugeben. Freilich ist man auch dann nicht vor törichten Menschen geschützt – man kann sich aber innerlich von der dargestellten Person distanzieren.

Was ich gar nicht mag: das mimosenhafte Getue, wenn mal etwas ungewöhnliche Effekte hatte. Wer hinausgeht in die Welt, der begegnet auch Gefahren. Wer das nicht will, der bleibt besser zu Hause.

Damit ich nicht vergesse, Ihnen dies zu erzählen. Wenn sie mal ein Aktporträt mit (ihrer) Vogelspinne brauchen ... vergessen sie nicht, hier mal vorbeizuschauen.

Ich bin seit meinen frühen Erwachsenentagen jemand, der die Brücken hinter sich verbrennt. Alles ist besser, als zurückzuschauen.

Eigentlich wollte ich Ihnen aber dies erzählen: Jimmy hat sein altes Journal, das komischerweise immer noch Top-Ränge in diesen fragwürdigen Blogrankings hat, eingestellt. Er sieht nach vorne – das sollten wir alle tun.

Wenn sie wollen, können Sie selbst natürlich noch ein paar Brücken stehen lassen.

Sprechblasen eines Diagonaldenkers – fast immer montags (also verspätet)

Da warteten wir nun alle am Montagabend auf den Jüngsten Tag – und er kam nicht. Angekündigt hatte ihn Herr Koch aus Hessen, dort CDU-Ministerpräsident: Jedenfalls hatte der gute Katholik wohl noch ein paar Jesusworte im Tornister - und er so kam es, dass er, warum auch immer, für den Montagabend das „flächendeckende Heulen und Zähneklappern“ ansagte.

Nun mag Herr Koch aus Hessen zitieren, wen er will, und meinetwegen auch die Worte des Religionsstifters, der da sagte: „Des Menschen Sohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die da Unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappen“.

Nur: Was hat der finanzielle Offenbarungseid der Republik mit „Heulen und Zähneklappern“ zu tun? Zum Heulen ist allenfalls, wenn ein Spitzenpolitiker der Republik so etwas sagt: Denn was wir brauchen, ist vor allem neuer Mut, nicht alter Käse.

Und so begab sich denn Anno 2005, dass keiner im Volk heulte und mit den Zähnen klapperte, sondern dass der eine oder andere abermals den Kopf schüttelte über die Union der Christdemokraten und ihre geistigen Eliten.

Nicht-Blogger bringen etwas schneller auf den Punkt als Blogger: wie man nämlich Blogs einteilen kann. Nein, nicht in Tutenblogs und Blaseblogs, sondern in Egoblogs und Staubsaugerblogs.

Dies ist überwiegend ein Staubsaugerblog.

Was ein Egoblog ist, erläutert Sylke Tempel:

„Es muss schon über ein gewaltiges Ego verfügen, wer sich die Mühe gibt, mit Vorliebe die eigene Meinung ins Netz zu stellen, in der frommen Gewissheit, im weiten virtuellen Raum endlich auf Gleichgesinnte zu treffen. Hinzu kommt das Gefühl, ein wenig Widerstand gegen den Meinungsbrei da draußen spielen zu können. Nun kann man mit einem in realer Gesellschaft geäußerten Dreisatz wie "ich bin pro-amerikanisch, pro-israelisch und pro-kapitalistisch" ungefähr die gleiche Wirkung erzielen, als hätte man während eines Gartenfestes am Hofe Ludwig XIV beiläufig erwähnt, man habe sich mit Pest, Cholera und Syphilis angesteckt. Im World Wide Web dagegen lässt sich die unweigerliche folgende Mischung aus heller Empörung, tiefem Entsetzen und geheucheltem Mitleid wenigstens auf Distanz halten.“

Sie meinen, ich hätte nun doch schon sehr viel zitiert? Und sie wollten meine Meinung hören? Aber die kennen Sie doch: egal, was Egoblogger sagen: Sie haben ohnehin immer Recht. Nur, dass die Linken unter ihnen immer noch ein bisschen mehr darauf bestehen, recht zu haben. Was sollten sie auch sonst sagen?.

Gramse schrieb mir gerade dies:

Ich denke etwas über die Bloggerin Xtrema (ich hoffe, sie gibt es nicht, ansonsten meine Entschuldigung von Herzen).

Ich denke, dass die Bloggerin Xtrema etwas über mich denkt. Nach und nach schreibe ich nun mehr und mehr in der Art, die dem entspricht, was ich von dem denke, was es die Bloggerin Xtrema meiner Meinung nach über mich denkt. Nun denke ich viel über die Änderung der Meinung dessen nach, von der ich glaube, dass sie die Bloggerin Xtrema von mir hat.

Ich versuche mir vorzustellen, was es bewirkt, wenn ich etwas schreibe über das, was ich meine, dass sie von mir denkt und erwäge ein Wort einzufügen, dass dann diese Meinung wohl ändern könnte.

Nach und nach, so denke ich, wird das Bild, von dem ich denke, dass sie es von mir hat, dem Bild entsprechen, das ich gerne hätte, dass sie es von mir hat.

"Der Zölibat, den Priester als kostbares Geschenk erhalten haben und der ein Zeichen der ungeteilten Liebe gegenüber Gott und dem Nächsten ist, gründet auf dem Wunder der Eucharistie

Benedikt XVI., Papst zu Rom, 2005

Kein Kommentar außer diesem: Ab und an zeigt diese Kirche ihr wahres Gesicht.

Das (heute ungewöhnliche) wöchentliche Geblubber aus den Algen – fast immer sonntags

Erotische Geschichten gab es im Web schon lange, bevor es Blogs gab. Nun, es waren Geschichten, meist mit der heißen Nadel gestrickt, oft anatomisch oder technisch nicht möglich und auch sonst ganz und gar unglaubwürdig.

Wenn eine erotische Geschichte wirklich jenes süße Schaudern in den Bauch bringen soll, dass sie wohl immer beabsichtigt, muss sie den Leser teilhaben lassen – er muss gewissermaßen als Voyeur dabei sitzen, wenn die Gestalten des Buches auf seiner inneren Bühne auftreten, muss sich mit einer von ihnen identifizieren können. Ein Mann muss verlockt werden, wenn die Heldin des Abenteuers langsam die Bluse aufknöpft, sein Atem muss schneller werden, er muss auf den Genuss der nackten Brüste hoffen, die langsam vor seinen inneren Augen hervorquellen.

Wenn eine Haut gestreichelt wird, dann muss man die Hand der Heldin auf seiner Haut spüren, muss ahnen, was diese sanften Hände noch tun könnten – ach, und sie könnten so viele tun. Ihr Finger bahnt sich langsam den Weg zwischen seine Lippen, die er nur zögerlich öffnet.

Nein, nein, dies soll keine erotische Geschichte werden. Nur ein Beispiel dafür, wie man den Leser dazu bringen könnte, sich so zu fühlen, als habe er die Geschichte selbst miterlebt. Sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, das wäre eine wirklich gute Idee für ein Blog. Kommen sie mir jetzt bitte nicht mit „authentisch“. Welches Erotiklog ist schon authentisch? Und warum eigentlich sollte ein literarisches Blog authentisch sein?

Ich las gerade einmal wieder die Memoiren der Hure Tina von S. Diese Frau ist authentisch, und dennoch würden Sie das, was sie schreibt, nicht lesen wollen: Es stakst in der Sprache so vor sich hin, dass man es fast nicht lesen mag. Aber etwas beeindruckte mich schon immer: ihre Einführung.

„Es mag ungewöhnlich sein, in der heutigen Zeit ein ehrliches Buch zu schreiben. In einer Zeit, in der viele prominente Menschen ... ihre Lebensbeichten von sich geben – und natürlich nicht erzählen, was ihrer Karriere Schaden zufügen könnte“.

Viellicht wollen sie, dass erotische Blogs wahr sind. Dann müssen Sie aber auch in Kauf nehmen, dass die Damen und Herren, die darin vorkommen, nicht immer schöne Körper haben, manchmal schlecht riechen und gelegentlich unsaubere Slips tragen. Ich erspare mir mal, darauf hinzuweisen, wie oft sie ihren Arzt aufsuchen mussten, weil von der Dame oder dem Herrn etwas zurückblieb oder wie teuer die Nacht im nachhinein gesehen kam – die geklaute Brieftasche mit eingerechnet – den Hunderter, den ihnen die Dame schon beim gemeinsamen Essen abluchste, verschweigen sie ja ohnehin.

Blogs und Wahrheit – die Welt da draußen ist genau, wie die Welt da draußen ist: Nämlich gemischt. In Blogs wird die Wahrheit hingegen sorgfältig gefiltert: Wer sich in einer Situation nicht gut machte, der schönt sie eben nach – oder verschweigt sie.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen, erfüllten Sonntag – möglichst mit demjenigen im Bett, denn sie gerade sehr lieb haben. Und wenn sie ihn lieb haben – bloggen sie lieber nicht zu viel über diesen Tag.

Ich wusste nicht, dass Pete Townshend bloggt. Nun weiß ich es. Und ich weiß auch, wer Ikapikapoo ist.

Via Jim.

Ich kann Ihnen eine interessante Neuigkeiten von Gramse berichten: ja, jenem Johann Fürchtegott Gramse, den man JoJo nennt. Sie wissen vielleicht, dass er Schriftsteller ist – sehen Sie und nun hat er eine Idee: Sein neues Buch ist nämlich das Buch über ein Blog, das ein Blog über ein Buch ist.

Das Buch, das Gramse schreibt, handelt von einem jungen Mann, der sein Erstlingswerk mithilfe eines Blogs schreibt und dabei vorgibt, eine Frau zu sein, die dieses Blog führt. Ihr erster Eintrag besagt, dass sie, nach dem sie arbeitslos geworden ist, den Beruf einer Domina anstrebt. Diese Dame nun wird nach und nach, wie es in Blogs üblich ist, beinahe täglich einen Eintrag schreiben, um dem Leser ihren Weg in die Welt der Dominanz zu beschreiben. Wir nennen die Dame mal Gisa, damit es einfacher wird für Sie, und den Autor nennen wir Günther.

Gramse erfindet nun also Günther, der täglich Gisa erfindet, wodurch die Handlung im Groben festgelegt ist. Allerdings haben beide, Gramse und Günther, mit Gisa sehr schnell ein Problem: Sie wird nämlich durch ihr Blog plötzlich Gegenstand eines gewissen öffentlichen Interesses. Sie kommt nämlich mit den Webexistenzen in Kontakt, die selbstverständlich glauben, dass Gisa eine Frau ist, die beabsichtigt, den Beruf einer Domina zu ergreifen.

Günther muss sich also nun in einen Dialog verwickeln lassen, aber nicht als Schriftsteller, sondern als die Dame, von der er vorgibt, dass sie eine Domina werden möchte und Gramse muss ihm die Worte dafür zurechtlegen.

Durch diese Dialoge der Dame Gisa mit den Webexistenzen kommt nun eine Handlung zustande, die der Mann, der das Buch schreibt, über das Gramse gerade ein Buch schreibt, so nicht geplant hatte. Zwar ist die Dame Gisa nicht existent, aber ein großer Teil der Webexistenzen sind mit ihr vernetzt und fühlen und denken mit ihr.

Dadurch ist nun eine neue Realität entstanden, dann obzwar es keine Gisa gibt, existiert sie doch als soziale Realität innerhalb eines kybernetischen Modells, das hinfort ein Eigenleben führen wird. Schon melden sich einerseits feministische Bloggerinnen, die dringend davon abraten, sich in die zwielichtige Halbwelt sexueller Ausbeutung zu begeben, während andererseits bereits die ersten Anfragen nach den Dienstleistungen kommen.

Wie soll sich Gisa nun verhalten? Wie Günther? Wie Gramse?

Dies alles, liebe Leserinnen und Leser, passierte vor einer Woche.

Vorgestern nun bekam ich einen Telefonanruf: Gramse war dran, und er befand sich in äußert schlechter Verfassung. Soeben habe Renate R., die Kulturredakteurin der örtlichen Zeitung angerufen, um anzufragen, ob Frau Gisa Gramse ihr wohl für ein Gespräch zur Verfügung stehe. Gramse sagte, ihm sei nichts anderes eingefallen als zu sagen, seine Tochter sei verreist, aber das könne er doch nächste Woche nicht auch noch behaupten.

Heute kam ein großer Briefumschlag bei mir an: Er enthielt einen Rohentwurf für ein Buch, ein paar handgeschriebene Seiten, und etliche Computerausdrucke – von Screenshots bis zu Emails, sowie handschriftlich das Passwort zu seinem Blog und den Satz: "Nimm, alter Freund, ich erhole mich in einer Klinik im Schwarzwald".

Ich habe die Unterlagen erst einmal in den Schuhkarton unter mein Bett gestellt, und Ihnen sage ich dies: Wenn sie in den nächsten Tagen ein verlassenes Erotikblog finden, dann bezichtigen Sie nicht mich, denn diese Geschichte ist erstunken und erlogen

Man mag über den etwas lächerlich klingenden Begriff der Leitkultur denken, wie man will – eines allerdings ist sicher: Die Jugend sucht wieder nach Leitbildern. Wenn es eines Beweises dafür bedurfte, so mag die Diskussion, die gerade in der Jungen Union geführt wird, als Beweis dafür dienen: Vor allem hier wird der Gedanke, über die Leitkultur neu nachzudenken, begeistert aufgenommen.

In der CDU und geht es vor allem um die christlichen und konservativen Gedanken. Jeder Bürger, der in der Stadt lebt, verspürt instinktiv, dass sein Lebeweg nicht allein mit dem Christentum und den bürgerlichen Werten aus dem 19ten Jahrhundert gepflastert werden kann, und selbst der Katholik bemerkt, dass die katholische Soziallehre nur noch bedingt für dieses Zeitalter taugt – und eine Partei, die dies alles verkörpert und sonst keine Perspektiven bietet, wird immer weniger Wähler anziehen.

Den anderen Parteien geht es freilich nicht besser. Die SPD sonnte sich lange Zeit in dem Glauben, dass sie die Partei der urbanen Menschen wäre, weil sie einst Arbeiter, Bürger und Intellektuelle zu Brandt- und Schmidt-Wählern machen konnte. Links war einst gülden, weil es wahrhaftiger erschien als der verkochte Bürgereintopf von Adenauer und Erhardt. Doch die Ideologie, dass Links edler ist als alles andere, vertreten heute höchstens noch greise Schriftsteller. Von Grün müsste eigentlich kaum noch die Rede sein – diese Partei ist, vor allem, seit sie nicht mehr regierungswillig ist, überflüssig geworden. Lediglich die FDP hat noch wirkliche Überzeugungen, wenngleich ihre Protagonisten dies kaum noch glaubhaft unters Volk bringen.

Nun wäre nichts dringlicher, als die Suche nach Leitbildern zu unterstützen, und in soweit ist die CDU auf dem richtigen Wege, während die SPD sich stets ins Mauseloch zurückzieht, wenn das Thema angestoßen wird. Dabei wäre nichts wichtiger als eine öffentliche Diskussion – schon, um Einseitigkeiten vorzubeugen, wie dem lächerlichen Wort der „Christlichen Leitkultur“, das wie ein Damoklesschwert über der gesamten Diskussion schwebt – und damit dies klar wird: Das Volk will keine christliche Leitkultur, es will weltliche, praktikable, sinnreiche und zukunftsweisende Leitbilder.

In den nächsten Tagen werden wir erleben, wie die Linksmedien, einschließlich der Linksblogger, die Diskussion um die Leitkultur diffamieren werden, egal, wer sie aufnimmt. Die Diskussion wird wieder den üblichen Weg gehen, der schon jetzt absehbar ist: Wir brauchen keine Leitbilder, wir brauchen keine Identität und wir müssen gar nichts für unser Land tun. Das übliche Dummgesülze: Ihr – nicht wir.

Vielleicht sollten die Linken auch einmal versuchen, sich vorzustellen, was aus einer Welt ohne Leitbilder wird – es wird von ihnen ja nicht verlangt, dass sie alle dem gleichen Leitbild folgen. Nur über eines kann man mit mir nicht diskutieren: Der freiheitliche und demokratische Staat ist für sich genommen bereits ein Leitfaden – und gerade er folgt einem Menschenbild, dass ich heute bei den Linksschreibern nicht mehr erkennen kann. Sehen Sie, meine Leserinnen und Leser: „Soziale Marktwirtschaft“ ist ein Leitbild, aber „Soziale Gerechtigkeit“ ist ein Traum. Mag sein, dass in unserer visionsversauten Zeit Träume mit Leitbildern verwechselt werden.

 

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