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Ich weiß nicht, ob Ihnen dies schon einmal in Deutschland aufgefallen ist: „Die Psychologie, die gesunde Lebensweise und jetzt das christliche Menschenbild. Wie wäre es mit „einer psychologischen Richtung folgend“, „eine gesunde Lebensweise besteht beispielsweise darin“ oder „einem christlichen Menschenbild folgend“.

Diesmal war es der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Christoph Böhr auf einer CDU-Tagung, auf der er sagte: „Das christliche Menschenbild müsse wieder stärker zur Leitlinie für die Lösung politischer Alltagsfragen werden.“ Sehr interessant, wie Herr Böhr „das“ christliche Menschenbild gleich mal für uns alle definiert und wie er seine Auffassung dann auch noch zur Leitlinie der Politik erklärt.

Könnte mir jemand bitte mal sagen, warum wir uns unter die Diktatur DES christlichen Menschenbildes begeben müssen? Hätten wir nicht wenigstens noch ein Mosaisches und ein Humanistisches zur Auswahl? Und könnten wir nicht vielleicht, wenn es uns denn der Herr Böhr erlaubt, wenigstens noch EIN alternatives christliches Menschenbild haben?

Mir graut vor der Diktatur DES christlichen Menschenbildes. Es könnte bewirken, dass wir unsere Meinungs- und Gesinnungsfreiheit in Zukunft in ein christliches Korsett stecken müssen. Ganz abgesehen davon: Wir sind alle sehr gespannt, wie Herr Böhr „Alltagsfragen“ mit der Bibel unter dem Arm lösen will.

Das wöchentliche Geblubber aus den Algen – meist sonntags

Es gab einmal eine Zeit Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als alle Welt glaubte, man müsse sich nun über die psychischen Prozesse, klar werden, namentlich über unsere (zuvor etwas vernachlässigte) Gefühlswelt. Bis dahin geltende Regeln und Normen wie zum Beispiel das Schutzbedürfnis der Privatsphäre oder die Konversationsregeln, aber auch regionale Besonderheiten wurden als ungültig erklärt und über den Haufen geworfen. Es gab kaum einen Fernseh- oder Rundfunksender oder eine Illustrierte, der nicht bei der Gefühlsmasche mitmachte, und plötzlich entstand eine Flut von Büchern, die alle nur ein Thema hatten: Psychologie (oder jedenfalls das, was die Autoren dafür hielten), bis es schließlich Bücher über diese Bücher gab – der Psychoboom trieb merkwürdige Blüten – inklusive der Flüge angeblich namhafter Psychotherapeuten nach Poona, die sich anschließend in orange Gewänder hüllten und sich merkwürdige Beinamen gaben.

Heute sind wir uns wenigstens wieder darüber klar, dass ein Engländer anders kommuniziert als ein Italiener, und dass sich die Verhaltensweisen eines Finnen sowohl von denen des Engländers wie auch von denen des Italieners unterscheiden – und wir respektieren auch sonst wieder die Unterschiede zwischen Menschen, die eben nur im psychologischen Gefühlskitsch alle gleich waren, in ihren realen, differenzierten Gefühlen aber durchaus unterschiedlich.

Ich muss Ihnen sagen, warum ich das schreibe: Wie nämlich die große Mehrheit an dergleichen nicht interessiert war, ja, die ganze Entwicklung schlicht ignoriert hat – und sie hat keinen Schaden daran genommen. Es war ein reines Produkt des Zeitgeistes, das religionsähnliche Gruppen und geschickte Geschäftemacher dazu nutzten, sich entweder wichtig zu machen oder gewaltig abzusahnen. Die Imperien brachen beinahe schlagartig zusammen und mit ihnen die Gurus, die in den Großstädten falsche Predigten zugunsten der neuen Psychoreligionen hielten – und ein bisschen roch alles nach Betrug.

Warum ich Ihnen das nun wieder erzähle? Weil es angeblich eine wichtige soziale Idee war, eine, die Menschen vereinte. Wie eben auch die Blogmanie mit allen ihren falschen Perlenketten, die sich die Animateusen und Animateure umhängen, ihrem ständigen Gebrabbel von sozialer Software und dem Willen, Menschen zusammenzubringen. Nein, es ist keine Luftblase, es ist eine religionsähnliche Verführung auf das virtuelle Glatteis des Web-Nirvanas, an dessen Ende die Vereinzelung, die Einseitigkeit und nicht zuletzt die Vereinsamung eher zu- als abnehmen wird.

Zu den Zeiten, zu denen ich weniger gründlich nachdenke, kann ich es auch einfacher sagen: Das Ganze ist, mit Verlaub, nicht viel mehr als ein Kaspertheater – und nur die Rollen von Kasper und Krokodil werden ständig neu besetzt.

Wenn die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt der Theaterintendantin des dort ansässigen Schauspielhauses einen wütenden Brief schreibt, in dem (laut FAZ) solches steht: „Das Verhalten des Schauspielers Thomas Lawinky gegenüber dem (FAZ-)Kritiker Gerhard Stadelmaier ... ist „unverzeihlich“.. und ... sie gehe davon aus, dass die Intendantin diesem Urteil nicht widersprechen werde", dann ist das Maß staatlicher Arroganz übervoll.

Denn egal, was passiert ist: Das eigene Urteil steht jedem Menschen frei, und es wird in diesem Land nicht von einer Oberbürgermeisterin bestimmt., wer wann was denken darf oder nicht.

Die FAZ denkt darüber anders und versucht, möglichst viel Rauch und Theaterdonner in die Händel zwischen dem Schauspieler und ihrem Theaterkritiker zu bringen, damit das Thema nach außen wirkt – wo es nun wirklich nicht hingehört. Nicht einmal die Leser goutieren es. Leser Maurice Keller schreibt: „Und: Wenn schon so ein Vorfall ausreicht, um „Entsetzen“ bei Frau Roth auszulösen, stimmt etwas mit ihr nicht. Die arme Frau muss ja in einem ständigen emotionalen Ausnahmezustand leben.“

Die schreibenden Konkurrenten von der „Frankfurter Rundschau“ kommen solche Vorfälle freilich gerade Recht, den Vorfall mit Häme zu beträufeln und ihn das zu nennen was er ist: eine Posse.

Wer in der Bundesrepublik nach Parallelgesellschaften sucht, braucht nicht erst bei der Nachbarreligion herumschnüffeln: Christliche Sekten, die sich auf das berufen, was sie unter Gottes Gesetzen verstehen, gibt es schließlich zur Genüge. Die Staatsanwaltschaft in einem Hamburger Prozess hat nun eines klar gemacht: „Die Allgemeinheit (hat) ein berechtigtes Interesse daran ..., religiösen Parallelgesellschaften entgegenzuwirken“. Gemeint waren christliche Sektierer, die sich weigerten, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

Nun wollen diese Eltern, um die es geht, ihre vermeintlichen Rechte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einklagen, wobei zu fragen wäre: Haben eigentlich nur Eltern Menschenrechte? Vielleicht sollten sich diese Eltern einmal überlegen, dass auch Kinder Menschenrechte haben – und die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist in einem isolierten christlich-sektiererischen Haushalt nun einmal nicht gewährleistet.

Der Chefredakteur von „Psychologie heute“ schreibt:

Distanz- und Geheimnislosigkeit sind das beste Rezept, um Beziehungen zu zerstören. Wir brauchen heute mehr denn je eine geschützte Zone in unserem Leben, wir brauchen zumindest die Chance, Geheimnisse zu haben und zu bewahren. Denn sie sind weit mehr als nur „Privatangelegenheiten“, sie sind eine psychologische Notwendigkeit.

Hätte er dergleichen in der „Enthüllungszeit“ der Selsbsterfahrunsgruppen geschrieben, er hätte sich der Leserbriefflut wütender „Zwiebelschäler“ kaum erwehren können – und er hätte vermutlich in der nächsten Ausgabe einen neuen Leitartikel mit einem Spagat zwischen Zeitgeist und Auflagenhöhe machen müssen.

Was wir daraus lernen können? Psychologen weniger ernst zu nehmen und ihre Ergebnisse zu einem großen Teil als Folgen des Zeitgeistes anzusehen. Was bleibt, entscheidet die Zeit.

Ich lese auch die Literatur jener, die über das Menschsein ganz andere Auffassungen habe als ich, zum Beispiel die Fraktion der positiven Denker, die eigentlich nicht „positives Denken“ proklamiert, sondern einen Süßbrei unter dem Etikett „Ich bin O.K. – du bist O.K.“ vermarktet.

Sätze mit „obwohl“ wagen die meisten Menschen ja heute schon überhaupt nicht mehr zu sagen – oder vielleicht haben sie es auch gar nicht mehr gelernt. Jedenfalls sollten Sie manchen Menschen vielleicht so gegenübertreten:

Obwohl du sicher O.K. für dich selbst bist, sind deine Angebote an mich noch lange nicht O.K. Ich sage dir „nein“, weil du selbst den weitaus höheren Gewinn daraus ziehst – und das ist für mich nicht O.K.

Die Psychologen lehren gerne: „Sagen Sie „ICH“, wenn Sie sich meinen, sagen Sie nicht „du, man oder wir“. Sollte ich jetzt zu meiner Frau sagen: „Ich will einmal im Jahr nach London fliegen!“

Sage ich es, dann fragt sie mich ironisch: „Würdest du mich eventuell mitnehmen?“

Also sage ich gleich: „Wir könnten eigentlich mal zusammen nach London fliegen“. Das ist natürlich völlig falsch, würden die Psychologen sagen, nicht nur wegen des Gebrauchs von „wir“, sondern auch, weil ich „eigentlich“ verwende – aber sehen Sie, das kann ich ertragen.

Warum ich das alles schreibe? Weil wir vorsichtig sein müssen mit dem, was wir lehren. Selbstverständlich kann es gut sein, im Gespräch gelegentlich zu sagen, was man selber denkt, meint oder fühlt – es unterstreicht die persönliche Anteilnahme.

Das gleiche „ICH“ kann aber auch selbstherrlich oder sogar kindisch wirken. Von erwachsenen Menschen wird erwartet, dass sie mehr tun, als uns mit dem vollzudröhnen, was ihr ICH uns alles sagen will. Wir erwarten, dass sie sich im Dialog für uns interessieren, nicht nur für sich selbst.

(Wortgleich in "Changes")

Im Februar/März ist „Mindestens Haltbar“ mindestens noch haltbar. Wie gewohnt ein bisschen verspielt – das ist dann auch einer der Titel. Ich mache keinen Hehl aus zweierlei: erstens, dass ich die Leute bewundere, die so etwas überhaupt auf die Beine stellen. Zweitens, dass ich es nicht mag – so eine Art Poesiealbum für Mädchen, die in die mittleren Jahre kommen.

Ob man damit Geld machen kann? Bloxbox ist ein neue Versuch, Blogs irgendwie bekannt zu machen – nicht der erste dieser Art: Man nehme Blogs, so etwas wie eine Suchmaschine, einen Haufen Empfehlungen, von denen man nicht so genau weiß, wie sie funktionieren, ein paar Artikelchen (überwiegend Blogbrimborium und Allgemeinplätze, die sowieso überall herumschwirren und fertig ist das Blogportal.

Blogger lobhudeln bereits: „Das sind - wie so oft - nette und gescheite Leute aus der Schweiz, die Sandra Lehmann um sich geschart hat.“. Fragt sich, wer Sandra Lehmann ist. Aber noch mehr, warum sie dies tut.

Blogywood, einer der fleißigsten Blogger mit einem Gemischtwarenladen, gibt auf: Er beteiligt sich offenbar an einem neuen Projekt mit dem Namen Ziever – vorläufig existiert dort nur etwas auf Niederländisch. Mal sehen, wohin den Weg ihn führt.

Angeblich gibt es abermals einen riesigen Sturm der Blogger gegen ein althergebrachtes Medium. Es geht um einen Beitrag des Schweizer Radios DRS3, und die üblichen Verdächtigen bezeichnen es als „Käse“, was dort produziert wurde.

Mir ist es eigentlich gleichgültig: ich bin ja kein Schweizer. Aber man müsste DRS3 vielleicht das gleiche Recht auf Meinungsfreiheit zusprechen, dass jeder Computerbesitzer in letzter Zeit ganz selbstverständlich wahrnimmt: Irgendeine Meinung zu publizieren.

Im Übrigen geht mir das Hurrageschrei der Blogfeldherren langsam auf den Keks. Wenn sich beispielsweise die Anzahl, der Weblogs alle fünf Monate verdoppelt, so ist dies eher kontraproduktiv – denn dadurch hat jedes Blog im Schnitt weniger Leser. Doch davon haben wir alle schon jetzt viel zu wenig - oder mit anderen Worten: Der Markt ist längst übersättigt, auf den jetzt noch ein paar weiße Glücksritter strömen. Der einzige Erfolg, über den man reden könnte, wäre, wenn es inzwischen mehr Leser pro Blog geben würde.

Doch das Nachdenken ist den Hochjublern wie beispielsweise Technorati natürlich fremd. Vielleicht sollten sie einmal einen Mathematiker konsultieren, was passiert, wenn sich die Bloganzahl tatsächlich alle 5 Monate verdoppeln sollte – aber eigentlich brächte man dazu keine Mathematik: Hirn einschalten vorm Schreiben würde schon reichen.

Manchmal frage ich mich: Wer von diesen Schülern und Studenten, die sich im Internet über Paul Watzlawick äußern, hat ihn eigentlich im Original gelesen, und vielleicht etwas mehr als das, was zwischen den Seiten 50 und 71 der deutschsprachigen Ausgabe steht? (Das Standardwerk „Menschliche Kommunikation“ hat 253 Seiten).

Haben sie zum Beispiel die Einleitung zum zweiten Kapitel gelesen?

„... handelt das vorliegende Kapitel also von provisorischen Formulierungen, die weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Endgültigkeit erheben“.

Oder die Randnotiz zum zweiten Axiom?

In diesem Definitionsversuch nehmen wir etwas arbiträr (1) an, dass der Beziehungsaspekt den Inhalt determiniert (2) ... obwohl es ebenso logisch wäre ... dass ... die Beziehung vom Inhaltsaspekt ... bestimmt wird.“

Haben sie vermutlich nicht. Allerdings: Wenn sie es denn gelesen hätten, würden die Lehrenden dies wirklich goutieren? Ich bezweifele es.

(1) Arbiträr - willkürlich
(2) Determiniert - bestimmt

Wie Sie als ständige Leserin oder ständiger Leser vielleicht wissen, beschäftige ich mich im Moment so sehr mit „Changes“. Sehen Sie, und dabei fällt mir etwas höchst Unerfreuliches auf: In unserem Wissenschaftsbetrieb scheint weder das Wort „Freude“ noch das Wort „Lust“ eine Rolle zu spielen. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass es Lustaspekte bei der Kommunikation gibt?

Offenbar flirten Psychologen nie. Oder zeigt sich beim Flirt eher der Selbstoffenbarungsaspekt? Nun, vielleicht, wenn die Dame über das Vehikel analog übermittelter Beziehungsaspekte ein zusätzliches Knöpfchen an der Bluse öffnet. Ach, sie meinen, im Alltag würde man das anders ausdrücken? Da haben sie Recht – aber dann sind Sie vermutlich kein trutzig die Fahne des Elfenbeinturms schwenkender Wissenschaftler.

In Changes auch hier diskutierbar

Nach einem Bericht der „Badischen Zeitung“ erstickt die Stadt Mannheim im Müll – und die Bürger beginnen endlich, sich gegen die Gewerkschaft Verdi und ihren eigennützigen Streik zu wehren: Sie werfen die Müllsäcke einfach vor die Verdi-Zentrale. Dort bemüht man sich, diese vor dem Morgengrauen wegzuschaffen, damit die Presse den Bürgerprotest nicht fotografieren kann.

Was muss eigentlich noch passieren, damit etwas passiert? Das Spiel „Verdi gegen die Bürger der deutschen Städte“ muss beendet werden – und die Presse könnte viel aggressiver reagieren. Wie weit die Sache schon gediehen ist, zeigt die Drohung von Verdi, dass private Müllentsorger, falls sie denn ausrückten, massiv an ihrer Arbeit gehindert werden sollten, was im Jargon von Verdi „Begleitung der Müllautos“ heißt.

Die Lösungen? Ein Streikverbot im öffentlichen Dienst wäre sicherlich die beste Lösung, aber das wird nicht durchsetzbar sein. Also werden sich die Städte etwa anderes einfallen lassen müssen: Auslagerung der Müllentsorgung an private Firmen – dort kann Verdi wesentlich weniger Schaden anrichten.

Im Angesicht eines Glases Pinotage einerseits und der Fingerabdrücke meiner Besucherinnen und Besucher andererseits frage ich mich, ob ich eigentlich eine Klowand betreibe oder etwas anderes.

Scheiden tut weh – aber sie könnte erheblich billiger sein. Die deutsche Justizministerin, Frau Zypries, geht den richtigen Weg, aber sie geht ihn nicht zu Ende: Ehen können durch einfache Erklärung vor einem Standesbeamten geschlossen werden – und warum, bitte, lassen sie sich nicht durch eine einfache Erklärung vor einem Notar wieder auflösen, ohne Anwälte und ohne Richter?

Der Staat wollte es bisher nicht. Er sandte Doppelbindungs-Botschaften an die Eheleute: Ihr seid zwar frei in euren Entscheidungen, aber wehe, ihr nehmt die Freiheit wahr. Ob ihm die Kirchen dabei im Nacken saßen? Das Frage- und Antwortspiel bei kinderlosen Paaren mit Eheverträgen vor deutschen Richtern ist ein Ritual: Die Fragen sind festgelegt, die Antworten ohnehin klar – in spätestens einer Viertelstunde ist alles erledigt – bis die Rechnungen kommen. Da reibt man sich dann die Augen, was Anwälte und Staat für fast gar nichts kassieren.

 

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