anstoss

  sehpferdvs sehpferds magazin für anstöße und anstößiges
Wenn sie damals hereingekommen wären, dann wäre aus der uralten Musikbox wahrscheinlich Edith Piaf hervorgequollen, ganz hinten hätte George, der Autor, gesessen und mit einem amerikanischen Botschaftsangestellten Schach gespielt. Das taten die beiden fast täglich. Rechts hätten sie die Stricke des Henkers sehen können, drei an der Zahl, vor einem Wandgemälde, auf dem Huren, Verbrecher und fahrendes Volk zu sehen war – und ganz hinten, wo der Wirt oft mit seinen Gästen saß, eine „goldene“ Grotte. Sie hätten Rotwein „mit Berg“ trinken können und vielleicht hätten sie später eine Zwiebelsuppe gegessen. Nur wenn sie als Paar hingekommen wären, hätten sie sich besser nicht zu intensiv geküsst – dann wäre die junge dunkelhaarige Wirtin gekommen und hätte sie darauf hingewiesen, dass sie dies in ihrem Lokal nicht gerne sehen würde. Man wollte kein Knutschlokal werden, sondern einen Traum verwirklichen: Eine Heimstadt für die Bremer Kinder des Olymp, weshalb man den Ort denn auch den „kleinen Olymp“ taufte.

Zuerst verschwand die Musikbox, dann die Stricke, und schließlich begann wohl eine schwere Zeit, als der Niedergang des Schnoors und seiner Lokale schon beschlossene Sache schien. Doch heute lebt das Lokal wieder, und sie sehen immer noch die gleichen Bilder, etwas aufgehellt, seltsam glänzend, aber eben immer noch die alten Motive.

Man hat sich eingerichtet auf bremische Gesellschaften und vereinzelte Paare und betreibt eine gepflegte Bremer Küche, und obgleich alles ganz ähnlich aussieht, sieht es doch so anders aus. Nur manchmal, wenn der Blick auf das fahrende Volk und die Hurchen fällt, die an den Wänden jetzt so merkwürdig glänzen, dann glaubt man, Edith Piaf zu hören. Und man sieht sie wieder, die blechern klingende Musikbox, die ihr „Non, je ne regrette rien“ in lauten Mittellagen in den Raum klirrte. Wer so verträumt dasitzt, dem sagt die Wirtin dann auch einmal leise: „Den Rotwein mit Berg können sie immer noch bekommen – sie müssen ihn nur verlangen“.

Mag sein, dass Jugendliche wenig differenzieren, und doch sie dies vermerkt: Angesicht der in einer Hamburger Seitenstraße nahe der Davidswache auf Kundschaft wartenden Damen bemerkte ein ungarischer Gymnasiast, „ach, so sehen in Hamburg Huren aus? Bei uns laufen doch all die jungen Frauen so herum“. Nein, kein Kommentar - gerade heute sah ich einige junge Frauen in einem Einkaufszentrum in Budapest, deren Rocklänge in keinem geeigneten Verhältnis zur Witterung stand.

Was hatten Sie sich doch gleich vorgenommen? Nehmen wir einmal an, sie wollten im neuen Jahr ihre Traumpartnerin finden, dann sage ich Ihnen dies: sie können gar nicht so viel schlafen, wie sie träumen müssen, um ihr auch nur zu begegnen.

Finden Sie nicht, dass es Zeit ist, mit den Dummejungenspäßchen aufzuhören? Von honigsüßen Frauen zu träumen, mit einer schnellen Karriere zu Ruhm und Macht zu kommen oder gar Visionen vom Leben zu haben?

Bleiben wir mal bei diesen honigsüßen Frauen: Wenn es sich nicht ohnehin extrem neurotische Zicken sind, dann sind sie anstrengend, und wenn sie nicht anstrengend sind, dann sind sie teuer. Doch wozu wollen sie diese Gezumpel überhaupt? Sobald die Klamotten einmal runter sind, werden Sie sehen, dass sie eigentlich nichts versäumt haben – und was die Qualität angeht, da hätten sie es vielleicht besser mit der Wurstwarenverkäuferin getrieben.

Karrieren? Je mehr sie eben jene anstreben, umso mehr verkoten sie ihr Hirn mit Dummsprüchen. Machen sie ihren Job, und machen sie ihn, wenn möglich, optimal und reden Sie einfach, klar und präzis mit jedem Menschen ohne Rücksicht auf seine Stellung oder Funktion. Vor allem aber: Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche und hören sie nicht auf den Büroklatsch, die Unkenrufe oder irgendwelche zirpenden Lerchen aus dem vierten Stock – machen sie einfach, was Sie für richtig halten.

Sie wollen etwas für ihre Zukunft tun? Falls sie Visionen haben: Konsultieren sie so schnell wie möglich einen Nervenarzt. Was sie nicht wenigstens als Skizze auf einem Bierdeckel entwerfen können, ist keine Perspektive für Ihr Leben, sondern ein Fall für den Papierkorb. Wenn sie es aber beschreiben können: Führen Sie ihren Plan aus, und werfen sie vor allem ihre Scheuklappen weg – es gibt nicht nur den Ort, an dem Sie geboren wurden, sondern ein sehr interessantes Deutschland, in dem man sie jetzt braucht, und ein überaus aufregendes Europa, in dem sie ihren Platz finden könnten.

Natürlich können Sie mit dem jungen Mädchen, das Ihnen gerade in Aussicht gestellt hat, auf dem väterlichen Grundstück auf der schwäbischen Alb ein Eigenheim zu bauen und dort bis ans Lebensende mit ihnen ein stilles Glück zu verbringen, Ihr Leben verpfänden – fragt sich nur, welchen Wert die Sache auf Dauer hat. Die Welt ist voller Erfahrungen, die Sie jetzt machen könnten: Fremde Länder, andere Kulturen, neue Chancen und selbstverständlich auch Frauen, die sich einen Mann für ein Leben mit einer Familie wünschen ohne ständig neue Ansprüche nachzureichen.

Wenn Sie das Glück in Händen halten: Oh, dann halten sie es fest. Falls Sie sich aber nicht sicher sind: Es gibt andere Wege zum Glück, als in der Vorstadtsiedlung zu verkommen, auf der schwäbischen Alb zu vereinsamen oder Monat um Monat mit Anspruchsfrauen, Zicken, Nörglerinnen oder Schwarzseherinnen zu verbringen – etwas Besseres als das finden Sie überall.

In diesem Sinne: Ein gutes 2006 an alle, die es betrifft.

 

Add to Technorati FavoritesMy Popularity (by popuri.us)

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma