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Hans-Martin Gauger machte gestern in der Badischen Zeitung den „Versuch einer Entbiesterung“ der Rechtschreibreform. Er schrieb den Aufsatz in der herkömmlichen Rechtschreibung. Das Erste, was man feststellt: man kann den Versuch lesen. Das Zweite: wäre er in der neuen Rechtschreibung geschrieben, könnte man ihn auch lesen.

Das, was die Sprachwissenschaftler interessiere, schreibt Herr Gauger, würde sonst kaum jemanden interessieren, und was sie nicht interessiere, die Rechtschreibung, interessiere die Bevölkerung sehr: In den Redaktionen würden sich die Briefe zur Reform stapeln.

Ich wundere mich nicht, dass sich die Bevölkerung so ereifert: ihr sind die wirklichen Probleme in Deutschland über den Kopf gewachsen, und nun halten sie sich an das, von dem sie glauben, etwas davon zu verstehen: Rechtschreibung. Das ginge noch an, denn fehlendes Problembewusstsein ist ein Makel der Ausbildung – die Menschen sind also nicht schuld an ihrer Einseitigkeit.

Was mich allerdings wundert, ist der Aufstand der Literaturproduzenten und Verleger. Sie sollten etwas klüger sein als die Masse des Volkes. Allerdings soll es laut Gauger Hoffnung geben: Die „Entbiesterung“, wie er es nennt, soll von der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ kommen. Wie schön für uns alle. Ich allerdings bin sicher, dass die "Biester" nicht aussterben, egal, was vorgeschlagen wird.

Anmerkung: Die „Badische Zeitung“ erlaubt „Fremdlesern“ nicht, auf ihre Online-Ausgabe zuzugreifen.

Heute aufgegriffen, weil es in einem Artikel vorkam, den ich las:

Da hätte, so der Autor, eine Ruhrpott-Mutter ihren Kindern gesagt, sie sollten deutlich sprechen, nämlich nach der Schrift. Mir sagte es niemand, doch als ich begann, lupenreines Hochdeutsch zu sprechen, meinte meine Umgebung, ich würde die Wörter „falsch“ aussprechen. Man schriebe schließlich „Steine“ und deswegen könne es auf keinen Fall „Schteine“ heißen. Andererseits sagen die Leute in meiner Heimat „Koschtüm“, wo es dann doch eben „Kostüm“ heißt.

Damit nicht genug: Mit der erlernten Hochsprache ging ich nach Schwaben – und wurde bald darauf angesprochen, warum ich ständig „nach der Schrift“ reden würde. Für mich war inzwischen absolut normal, nur nach „nach der Schrift“ zu reden, - ich hätte ohnehin nie gewusst, warum ich irgendwie anders reden sollte.

Jetzt ist wieder viel von „der Sprache“ die Rede, und fast immer ist die Schrift gemeint. Rechtschreibung? Ich wäre froh, wenn die Schulen mehr für die „Rechtsprechung“ tun würden, für ein elegantes, klares, hochwertiges Sprachdeutsch.

Doch stattdessen reitet jede Landschaft auf ihrem Dialekt herum, wo es schwätzet und babbelt und snackt: dem Kritiker wird schnell verkündet, es handele sich um die „Sprache des Herzens“. Soll er sie doch sprechen – in seiner Familie, am Stammtisch und meinetwegen bei der Liebe. Aber mit mir - mit mir sollen die Menschen bitte hochdeutsch sprechen, sonst können sie mir nötigenfalls gestohlen bleiben.

In den 50er Jahren sahen die Menschen mit Staunen die neue Republik aus der Asche des Krieges steigen. Das alte Mütterchen, von dem ich schreiben will, sahen sie nicht.. Eine etwa 70-jährige Frau, die ein einziges schwarzes Kleid besaß die so mager blieb, wie alle Menschen in den Nachkriegsjahren einmal gewesen waren. Sie war arm, heute würde man sagen: wirklich arm. Sie hätte auch damals schon Sozialhilfe bekommen können, aber sie weigerte sich konstant, dies zu tun: „So etwas tut man nicht, das ist entwürdigend“, pflegte sie zu sagen. Doch beim Krämer und Bäcker fragte sie gelegentlich danach, ob wohl Waren übrig geblieben wären vom Vortage, die hätte sie ihre für ihre Kaninchen, und den Metzger fragte sie nach Knochen für ihren Hund. Jeder wusste, dass die Dame weder Hund noch Kaninchen besaß, aber jeder gab ihr: Entwürdigend fand sie dies nicht.

In den 90er Jahren dann lernte ich eine Dame über 65 kennen, deren Schicksal ähnlich gelagert war: Ihre Rente reichte gerade, um das Existenzminimum zu sichern – nicht das, was die Regierung für ein „Existenzminimum“ hält. Weniger. Viel weniger. Die Dame sagte ebenso, dass sie bis zum heutigen Tage keine Hilfe des Staates in Anspruch genommen hätte. Nun aber wolle sie doch aufs Amt. Es ginge zwar noch gerade so aber sie sähe etwas nicht mehr ein.. „Sehe sie“, sagte sie mir, „wenn all diese jungen Leute, die noch nichts geleistet haben und eigentlich arbeiten könnten, dem Staat das Geld wegnehmen, dann habe ich schon lange ein Recht dazu..“ Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen, aber ich denke seither anders über diejenigen, die Sozialhilfe lautstark einfordern.

Beach Volleyball scheint die bei Männern beliebteste Sportart zum Angucken zu werden – da kann man stundenlang junge Frauen in aufregenden (nun ja, manchmal) Bikinis sehen. Dieser Blogger hat es erkannt.

Mehr über die olympische Erotik:

Klasse und Würde in Sport und Aktfotografie

Kraft durch Freude?

Olympia und Brüste

Sexvolleyball

Eine Sportreporterin und ihre Brüste

Wie „The Age“ berichtet, wird ein großer Teil der in Indien kostenfrei verteilten Kondome nicht für das lustvolle Vergnügen eingesetzt, für das diese Produkte eigentlich vorgesehen sind.

Interessanterweise soll die indische Armee sogar das unflätige Soldatenlied vom „Sanitätsgefreiten Neumann“ in eine neue Realität umsetzen: Tatsächlich sollen dort Kondome als Mündungsschoner verwendet werden.

Eine völlig andere Verwendungsmöglichkeit böte der Straßenbau, schreibt die Zeitung. Als Beigabe zu einem Teer-Zement-Gemisch würden sich ein glatter und flexiblerer Straßenbelag ergeben.

Warum, so fragte jüngst ein Journalist, habe man in diem Jahr noch nichts vom Loch Ness gehört? Die Antwort weiß Sehpferd natürlich auch nicht, aber dafür ist das Ungeheuer von Lake Seljord jetzt definitiv gesehen und auch gefilmt worden – behauptet der Schwedische Monster-Jäger Jan-Ove Sundberg jedenfalls. 20 Sekunden will er das Ungeheuer auf Film gebannt haben. Wer großartiges erwartet, wird enttäuscht sein: 30 Zentimeter soll das Tierchen nur messen.

Gelesen in der Aftenposten.

Ein Rekordversuch im Bepinseln nackter Frauenkörper ist gescheitert, weil die Künstler nicht rechnen konnten: Nach 98 durch Farbauftrag verschönten Frauenkörpern ging den beiden Schweizer Bemalern der Werkstoff aus. Die restlichen 91 Nackten mussten auf den Farbauftrag verzichten.

"Und, was macht diese Blog-Sache?
- Ach, interessiert dich das plötzlich doch?
- Klar interessiert es mich, wenn du dich zum Affen machst."


Zitat aus dem Blog des Schmuddelbloggers. Ohne Kommentar. Warum, werden sich meine ständigen Leser denken können.

Der Liebesakt stellt nach einem Zeitungsbericht keine besonderen Anforderungen an das Herz der Männer in den besten Jahren: So hoch wie beim Jüngling schlägt das Herz älterer Herren nämlich nicht mehr: Der Puls würde höchstens noch auf 130 Schläge pro Minute getrieben: Jünglingsherzen hingegen brächten es auf 180 Schläge.

Merkwürdige Koalitionen gibt es in Deutschland: PDS und Attac rufen neben ein paar isolierten Gewerkschaftlern gemeinsam das Volk auf, zu Demonstrationen zu kommen und dafür zu streiten, dass der nicht durch Versicherungen gedeckte Teil unseres Sozialwesens so bleibt, wie er ist.

Damit könnten PDS und Attac vor allem erreichen, dass das „liebe Vaterland“ ruhig wird und man die Reformen zurücknimmt, damit wieder Eierkuchenstimmung in Deutschland herrscht. Die Wirtschaft wird sich derweil überlegen, ob man nicht noch mehr Jobs ins Ausland verlagern kann, was problemlos möglich ist, wenn sich Deutschland durch Zögerlichkeit als reformunfähig erweist. Um sie zurückzuholen, werden dann noch erhebliche stärkere Einschnitte im Sozialwesen nötig sein, weil man ja mit den Steuern und Abgaben herunter muss.

Und dann werden PDS und Attac wieder zu neuen Montagsdemos aufrufen können, in denen wieder Transparente hoch gehalten werden: wie schön, wenn man politisch so verantwortungslos sein kann.

Man kann nur hoffen, dass Regierung und Opposition zu dem stehen, was sie vereinbart haben. Gegen eine mögliche Stärkung der PDS bei den nächsten Wahlen gibt es ein Mittel: die große Koalition der traditionellen Demokraten, vielleicht gar mit grüner Beteiligung. Wenn der Unverstand die Straße regiert, sollten wenigstens die bewährten demokratischen Kräfte zusammenhalten.

Zur Wirtschaft und ihrer Denkweise auch ein Beitrag von jim.

Erotik-Magazine für Frauen sind noch selten, wenngleich ich persönlich die Vogue (vor allem die vom letzten Monat) schon erotisch genug finde. Aber jetzt kommt mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren „Scralet“ auf den Markt – freilich nur auf den englischen. Mehr hier.

Spencer Tunick, der Fotograf, der nackte Menschen stets in Massen fotografiert, hat wieder eine neue Stadt erobert: Diesmal war es Buffalo, wo sich 1826 Menschen nackt vor der Kulisse eines schäbigen alten Bahnhofs nackt fotografieren ließen. Bilder habe ich leider noch keine. Ältere Bilder von Tunick befinden sich im Mitgliederbereich von Nerve.com

Es lohnt sich, diese Bilder zu sehen. Außer im Premium-Bereich ist die Migliedschaft kostenlos.

Heute ist es passiert: Ich wollte gerade noch einen Artikel über das Vor- und Zurückgerangel in der Rechtschreibereform veröffentlichen, als mir auffiel, dass ein Kollege von der „Mitteldeutschen Zeitung“ exakt das geschrieben hat, was ich hätte schreiben wollen. Da wir es wirklich nicht zwei Mal schreiben müssen: hier der Link und ein Zitat:

Wie man es wendet - die Karre ist verfahren. Wenn etwas zu helfen vermöchte, dann (endlich) Vernunft. So wird man jetzt genau und hoffentlich unvoreingenommen prüfen, wie es gelingen kann, mit geringstem Schaden aus dem Schlamassel zu kommen. Dabei gehören vor allem die Kinder in den Blick, die seit Jahren nach neuen Regeln schreiben gelernt haben“.

Dem ist wenig hinzuzufügen: Es geht doch längst nicht mehr um „alte“ oder „neue“ Rechtschreibung, sondern darum, dass sich einzelne Redaktionen herausnehmen, zu tun, was ihnen beliebt. Das Einzige, wobei sie sich dabei wirklich berufen können, sind ein paar mehr oder weniger greise Schriftsteller. Doch anders als der Spiegel- oder Bildzeitungsredakteur kann der Schüler nicht nach Belieben die Schreibe wechseln – er ist der eigentlich Gelackmeierte der ganzen Debatte.

Auch in der Rotlichtbranche herrscht Wettbewerb: Die Berliner Huren fürchten jedenfalls ein neues Bordell an der Berliner Stadtautobahn, das angeblich zum Preisverfall führen soll: Immerhin hat das Haus 58 Zimmer, und bei der angeblich schlechten Geschäftslage des Gewerbes fürchtet man den Preisverfall. Der soll schon begonnen haben: Für „etwas“, das vor Jahren noch 100 Euro gekostet habe, würde man heute nur noch 20 Euro erlösen, beklagt sich die Verbandssprecherin Stephanie Klee. Sie forderte zudem eine bessere berufliche Qualifikation ihrer Kolleginnen und verlangte eine „ordentliche Ausbildung“ für den Berufsstand, wie die Berliner Morgenpost berichtete.

Rosenbusch und Banane sind neue „Kids on the Blog“, die wiederum Teil eines Kunstprojektes sind – wenn ich denn alles richtig verstanden habe. Obwohl ich ein Sehpferd bin, blicke ich noch nicht ganz durch – sie haben, wie es scheint, ein sehr verschachteltes Imperium. Die im Rückblick gezeigten Bilder der „Universalkünstlerin“ Ulaana fallen beim Sehpferd durch, aber das will ja noch nichts heißen. Mehr über Ulaana („Die Rote“) aka Sonja Konrad (?) gibt es hier.

Was trägt die züchtige Hausfrau in der Küche? Selbstverständlich eine Schürze, und je nachdem, was sie mit dem Kochen beabsichtigt, vielleicht nichts als eine Schürze. Wenn die Schürze dann auch noch ein Nichts sein soll (oder wenigstens so aussehen), dann ist dies Ihre Seite. Falls sie jedoch Küchenarbeit eher als etwas sehen, das mit Speisen zu tun hat, können sie zu dieser braven Seite wechseln.

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Bild: © 2004 by nakedaprons

Nicht nur Schüler glauben, dass Enten gelb sind – ich habe sie selbst gesehen, und dabei haben sie sich sogar auf den Schnabel geküsst – mitten im Flugzeug. Sie glauben es nicht? Ich schon. Schließlich habe ich das Bordmagazin von „Easy Jet“ gelesen (August 2004). Da sind die Enten drauf. Vorne. Und Gelb.

Mehr Enten bei Sehpferd:

Zungenenten.
Polizeienten
Schwimmenten
Entenbrüder
Teufelsente

Und die neueste Sammlerente vom Hersteller.

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Foto: © 2004 by EasyJet

Nerve hat etwas gebaggert und dies hier gefunden:

„The vice president's wife (Lynne Cheney) has told reporters that she doesn't remember the plot of her 1981 novel Sisters, but here's the darnedest thing about plots committed to paper — you don't need to remember them when they can be tracked down on eBay”.

Für alle, die gar nicht erst bei eBay suchen wollen: Bei Nerve nachsehen (Mitgliedschaft erforderlich). Es soll sich um einen schwülstigen Roman aus dem „Wilden Westen“ handeln, in dem neben Bordellen auch die lesbische Liebe eine Rolle spielt. Schade, dass die Second Lady nicht zu ihrem Buch steht, aus dem hier Auszüge veröffentlicht werden.

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© 2004 by Glenn Glasser and nerve.com

Das wöchentliche Geblubber aus den Algen – immer sonntags

Diese Woche musste ich mich etwas über Gebühr mit der Twoday-Kommune beschäftigen, obwohl ich dies eigentlich nicht vorhatte, im Gegenteil: Ich denke, dass Blogs ein Medium sind, mit dem wir keine Weltanschauung verbinden sollten. Dies geht auf Dauer immer schief – aber darüber könnten Soziologen qualifiziertere Aussagen machen.

Ein Nebeneffekt war, dass man mit mir einen Streit über Sachverstand austragen wollte. Nun., in der Regel ist es so, dass Schriftsteller im weitesten Sinne irgendwelche Umstände, die sie bewegen, in Schrift fassen. Doch das Spektrum der Schriftsteller ist groß: Neben der so genannten „großen“ Literatur, die wir alle gerne schreiben würden, aber wahrscheinlich nie schreiben werden, stehen Aufgaben, die vom unbefangenen Bürger gar nicht wahrgenommen werden: Da gibt es Bedienungsanleitungen, Pressemitteilungen, Polizeiberichte und schließlich die Arbeit an Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen.

Wer für ein Medium schreibt, das sich nicht viele (oder gar keine) Fachjournalisten leisten kann, muss zwangsläufig über alles schreiben: Jeder Lokalredakteur kann davon ein Lied singen. Heute sind es die Kaninchenzüchter, morgen ein Jazzkonzert, übermorgen ein Bericht über die Zukunftschancen der örtlichen Fabrik für Schaltgeräte. Man schreibt alles, und man muss sich genügend kundig machen. Leser nehmen einem sehr übel, wenn man ein Altsaxofon mit einem Tenorsaxofon verwechselt oder die dämlichen Karnickelrassen nicht auseinander halten kann, besonders aber, wenn sich in den Wirtschaftsteil ein Fehler einschleicht. Mit den Jahren lernt man, so etwas zu vermeiden. Schlechte Journalisten schreiben dann eben nur noch die Pressemitteilungen ab und füllen sie mit Hohlworten, während gute gelernt haben, ihre Artikel sachlich richtig, kompetent und lesenswert zu verfassen. So viel also zur Kompetenzdebatte.

Ich habe letzte Woche auch ein paar Worte zum Diagonaldenken verloren. Dass ich dabei Dr. Freud zum Thema genommen haben, ist reiner Zufall, aber bei dieser Gelegenheit habe ich versprochen, etwas über die positiven Auswirkungen psychotherapeutischer Methoden zu schreiben. Mit diagonaler Denkweise, versteht sich, und nicht sofort.

America's Olympians had promised to march into these Olympics with class and dignity. They weren't supposed to start that march straight out of a Playboy photo shoot.” Das meinte der Kolumnist Ian O’Connor von USA Today.

Kann man im Playboy eigentlich nicht mit Klasse und Würde posieren, oder, anders gefragt, ist extremer Leistungssport eigentlich immer mit Klasse und Würde verbunden? Ich bezweifle dies.

“They are playing a game.
They are playing at not
playing a game.
If I show them I see they are,
I shall break the rules and they will punish me.
I must play their game, of not seeing I see the game.”

R.D. Laing ("Knots") Penguin Books, 1970 (Meine Ausgabe)
Wieder zu haben bei Amazon.

Ich schrieb bereits vor langer Zeit, dass der Psychiater Ronald D. Laing mit diesem Gedicht die Psychogruppen entlarvt hat. Aber gilt es nicht auch für andere Gruppen, vom Ehepaar über die "Bloggergemeinde" bis zum ganzen Volk?

Der kritische Schriftsteller oder Journalist hat die ehrenwerte Aufgabe, das Spiel zu entlarven, auch wenn es noch so schmerzhaft ist. Täte er es nicht, er würde seine Berufung verfehlen.

Am Beispiel von Sigmund Freud will ich gerne einmal die Welt des Diagonaldenkers vorstellen. Für den einfachen Denker ist Dr. Freud der Begründer der Psychoanalyse, die sich seither offenbar linear in irgendeiner Form entwickelt hat. Wenn es hoch kommt, wissen kluge Gymnasiasten noch etwas von Alfred Adler und C.G. Jung, danach verliert sich meist das Schulwissen im Nebel.

Der Diagonaldenker geht von vornherein anders an die Sache heran: Er fragt sich, in welchem Licht man Dr. Freud sehen könnte: Vielleicht zunächst als Mediziner (dies war schließlich sein Beruf), als Ausdruck des Zeitgeistes? Als Verkörperung des niedergehenden Bürgertums? Als Revolutionär des Selbstverständnisses der Menschen? Vielleicht als wichtigtuerischen Schriftsteller, der nicht abwarten konnte, bis seine Erkenntnisse gesichert waren?

Schon allein die Betrachtung zeigt zweierlei: Erstens würde man sich solche Fragen nicht stellen, wenn Dr. Freud nicht wichtig gewesen wäre, und zweitens, dass es eine Fülle von alternativen Sichtweisen geben könnte, die sich aber durchaus wieder an den Enden verknoten lassen.

Wir Menschen haben, so denke ich, einen Vorteil, wenn wir uns die Möglichkeit des Andersdenkens erschließen. Hinzu muss freilich noch die Fähigkeit kommen, sich von der Ideologie frei zu machen und zu einem der vielen lösungsorientierten Möglichkeiten des Handelns aufzuschwingen.

Einem Buchhalter kann man kein X für ein U vormachen, und auch einem Dachdecker nicht: Beide verfügen über gesicherte, fundierte Erkenntnisse ihres Fachs, zu denen andere selten Zugang haben. Anders ist es freilich bei sozialen, psychischen oder religiösen Problemen: Hier wird das Eis der Wissenschaftler schnell dünn, und wir erleben ein seltsames Phänomen, dass wir sonst nur vom Biertisch kennen: Je mehr wir dem Saufkumpel seine Automarke madig machen, umso mehr rudert er dagegen und beginnt, Unsinn zu reden.

Man muss, so denke ich, ein gewisses Verständnis für die Geisteswissenschaftler und Geistlichen haben, die so reagieren: Sie wissen natürlich, dass ihr Eis sehr dünn ist. Bezeichnen es nun aber andere als dünn und beweisen sie es gar, so behaupten sie sofort, dass ihre Scholle auch Eisbären tragen würde, wenn denn nur welche da wären. Ich verrate ihnen, meine lieben Leser, eines: Es sind nie Eisbären da.

So stehen sie denn da, die Angegriffenen, Aufgeplusterten und um Atem ringend, was nicht gerade gesund ist. Ich empfehle Ihnen, meine Damen und Herren, vorsichtig zu sein: Wenn das Eis unter ihnen erst bricht, brauchen sie fremder Menschen Hilfe. Ich hoffe, dass sich dann ein Rettungsfahrzeug mit den notwendigen Realitäten in der Umgebung befindet.

Klingt ein bisschen satirisch, meinen Sie? Selbstverständlich. Aber es hat einen wahren Kern. Wer glaubt, dass ich auf aktuelle Ereignisse hier und anderwärts Bezug nehme, mag Recht haben.

Die Art, in der wir Wissenschaft betreiben, funktioniert auf eine höchst zweifelhafte Weise: Meist greifen wir auf die Antike zurück, in der wir ja ein kleines Repertoire von bereits Vorgedachtem finden. Nehmen wir also das "Ich". Nach allgemeiner Auffassung, der sich schwerlich widersprechen lässt, kann der Mensch zwischen sich selbst und seiner Umwelt unterscheiden - daher also das Ich.

Als Herr Freud auftrat, verdreifachte sich das ICH

So weit, so gut, jedenfalls bis Herr Freud kam, jener Herr, der missionarisch die menschliche Psyche erforschen wollte, und dies dann auch ebenso vehement wie schlampig tat. Jener also pfropfte dem Gedankengebilde schnell noch ein "Es" auf, das den wuseligen Urgrund symbolisieren sollte und, da dies immer noch nicht hinlangte, auch noch ein "Über-Ich" als regulierende Super-Instanz. Der heiligen Dreifaltigkeit nicht unähnlich, war das Ganze eher die Konstruktion eines fantasievollen Autors als das Forschungsergebnis eines Arztes, aber, nun ja, mit Präzision hatte es Herr Freud nicht so. Nachdem nun einmal klar war, dass Wissenschaft, wie Freud eindrucksvoll vorführte, keines eigentlichen Beweises bedufte, kamen dann auch Generationen von Nachahmern, die ihrerseits kühne und fast immer mit einem esoterischen Heiligenschein umkränzten Theorien vorschlugen, allen voran der unsägliche Carl Gustav Jung, dem die zweifelhafte Ehre gebührt, den Aberglauben in die moderne Wissenschaft eingebracht zu haben.

Moderne Menschenbilder finden kaum Eingang in die Psychotherapie

Die moderne Psychologie hat immerhin geschafft, den Begriff der psychologischen Dreifaltigkeit wieder auf das "Selbst" und schließlich auf die "Persönlichkeit" zu reduzieren, doch wollte man nicht weiter gehen. Eine der modernsten Wissenschaften nämlich, die Kybernetik (und die mit ihr verbundene Informationstheorie) entwirft nämlich ein ganz anderes Bild: Demnach ist für den Zustand der Psyche, soweit sie sich überhaupt geistig seelisch erfassen lässt (sie ließe sich nämlich auch biologisch-seelisch erfassen) eine Instanz im Gehirn zuständig, die wir als ein lebendes Modell der Wirklichkeit bezeichnen können. Je zutreffender die dort gespeicherten Informationen und je unproblematischer sie zur Verfügung stehen, umso besser funktioniert das Mensch-Umweltverhältnis und desto "gesünder" ist die Psyche. Selbstverständlich kann das Modell optimiert werden, zum Beispiel durch Lernen, aber es kann ebenso auch "gestört" werden, beispielsweise durch biochemische Einflüsse wie eine aufkeimende Liebe.

Psychoanalyse ist eine wissenschaftliche Untote

Selbstverständlich ist eine solche Erklärung der Psyche noch zu einfach, sind Details nicht zu Ende gedacht. Dennoch aber scheint ein solches Modell transparenter zu sein als das Gewusel von Ahnen, Kindheit und Tiefgrund, das sich letztlich niemandem öffnet als einem Psychoanalytiker.

Manche Zweige der Psychotherapie wissen um solche Modelle, die Mehrheit jedoch wird abwehrend die Hände heben: Was nicht sein kann, das darf auch nicht sein. Machen wir uns nichts vor: Die alte Tante Psychoanalyse ist die größte wissenschaftliche Untote, die unsere Universitäten pflegen.

Weitere Informationen zur Psychoanalysekritik: hier, mehr Kritik dann hier.

An diesem trüben Wochenende habe ich endlich Zeit, meine Möbel in meinem Blog zu verrücken und endlich aufzuräumen. Dabei habe ich, wie ich gerade feststelle, auch ein paar Artikel gelöscht, zu denen bereits verlinkt wurde. Ich bitte dafür um Entschuldigung.

In der Diskussion um Blogs glaube ich nicht nur den längeren Atem zu haben, sondern auch die sorgfältigeren Recherchen – und den bei weitem besseren Riecher, denn diese These stimmt: Blogs werden mehr und mehr kommerziell genutzt, weil sie einfach und effektiv handhaben sind - und damit steigt auch ihr Wert. Dabei dürfte den Unternehmen, die jetzt Blogs verwenden, das ganze Gerede um „Bloggosphären“ piepschnurzegal sein.

Letztendlich läuft es auf die bekannte Auto-Diskussion hinaus: Ein Freak kauft sich ein Auto, das er sich nicht leisten kann und das er auch eigentlich nicht braucht, um Leuten zu imponieren, die er nicht mag, und schwätzt nächtelang in der Bar über die Vorzüge seines Modells. Ein Geschäftsmann kauft sich ein Auto, das er sich leisten kann, um mit seiner Hilfe den Erfolg seines Geschäfts noch zu vermehren und redet nie über das Auto. Es muss ja nur fahren.

Wie sagte ich doch?

„Leider sind beide bislang genannten Gruppen nicht besonders klug, denn die Möglichkeiten des World Wide Web lassen sich am besten kommerziell nutzen: zur Repräsentation des Unternehmens unter verschiedenen Gesichtspunkten, zur Verbreitung von Neuigkeiten, als Pressezimmer und möglicherweise sogar als Empfangsraum zur Weiterleitung an andere Webseiten. Denn ein Weblog ist nichts anderes als ein Medium, mit dem sich Tagesereignisse unkompliziert verbreiten lassen. Kein Wunder, dass in Amerika gerade Meinungsbildung im Wahlkampf über Weblogs gemacht wird - mit großem Erfolg, wie es scheint.“

Zitat aus meiner Webseite Lechzen.de.

Aber man muss nicht bei mir nachlesen. Vielleicht scheint Ihnen diese Quelle verlässlicher: Knallgrau.

 

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