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Ja, das gab es: Blues Roots Vol. 1 – und lächerlicherweise mit deutscher Übersetzung des Liedtextes zu „Irene Goodnight“ : Hab deine Mutter wegen dir gefragt/Sie sagte du wärst zu jung“. Wer den Sänger Huddie Ledbetter (Leadbelly) kennt, weiß um die Legenden um seine Person: er, der als Mörder bezeichnet wurde, er, der die Bekanntschaft des legendären Alan Lomax machte ... er, der Sänger, der erotische Sänger, der schwarze erotische Sänger.

Man muss ihn hören, wenn er „Irene Goodnight“ singt ... erst erzählend, dann das Ihhhhhreeeeeen“ langziehend ... well, Irene, I kiss you in my dreams ... Irene goodnight ... und dann wieder das langgezogene, katermäulige „Eihhhh.... riene“. Ich kannte damals eine Dame namens Irene M. Zuletzt ward sie in Schwabing gesehen ... und danach? Good night, Irene, good night Irene, I meet you in my dreams.

Ja, ich verkaufe Ihnen die Platte – was dachten Sie?

Wenn man mit mir redet, geht manches. Letztes Jahr habe ich einige Original-Mingus-LP’s für 2 Euro das Stück verkauft, unter anderem die berühmten CANDID-Aufnahmen. Jetzt habe ich – mehr zufällig – die Freedom Now Suite von Max Roach und Oscar Brown jr. Für 2 Euro verkauft – im Paket. Und wissen Sie, was ich noch habe? Die Original Audio Lab Nummer AL 1549:

Billy Eckstine and his Orchestra feat. Sarah Vaughn, Dizzy Gillespie, Trummy Young, Rudy Rutherford, Wardell Gray Oscar Pettieford, Al Killian, Gene Ammons, Dexter Gordon, Bud Johnson.

Jeder Jazzfan weiß, dass es sich um eine Schnulzenplatte mit Bigband handelt. Aber ich besitze sie eben. Und ich verkaufe sie – echt.

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Ein Esszimmer gefällig? Die Vitrine gehört Ihnen, wenn Sie die Wohnung kaufen.

Ich werde nicht oft mit dem konfrontiert, was meine Landleute, die Deutschen, „Ansprüche“ nennen. – Lediglich einmal, als ich selbst erneut auf Freiersfüßen war, habe ich einige Damen kennen gelernt, die dergleichen hatten – mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit haben sie diese heute auch noch. Wer als Deutscher keine Ansprüche hat, kann offenbar nicht existieren.

Nun aber verkaufe ich gerade zwei Wohnungen. Vermieten wäre nicht schwer: Hier in Südbaden gibt es jede Menge Bedarf. Aber verkaufen? Im dritten Stock? Ohne Lift? Nur eine Loggia, kein Balkon? Fragt man den Deutschen, was er will, so ist es eine Wohnung mit glatten, geraden Wänden. Alles rechte Winkel – nur keine Rundungen, und schon gar kein Stuck. Wohnboxen sozusagen – gerne Beton, notfalls auch Pappe als Zwischenwände. Dachgeschosswohnungen werden gerne mit Pappe geschönt – sieht fast aus wie eine richtige Wand.

Stil? Ach du liebes Bisschen. Bei IKEA-Möbeln ja auch völlig überflüssig. MackIntosh-Inspiriert? Und das 1948? Und in diesem Stil weiter renoviert? Ach ja. Sehen Sie, vor Jahren, waren Wohnküchen der letzte Schrei in Südbaden, vor allem bei Neubauten, und das geht so: Sie kaufen eine schlüsselfertige Neubauwohnung, bei der sie eine Wand eingespart haben und so einen Kombinationsraum bekommen, in dem die Küche – wie könnte es anders sein – erstens dominiert und zweitens die Hässlichkeit der Wohnung bestimmt – und das Ganze als 3-Zimmer-Wohnung auf 65 Quadratmeter.

Ja, und dann kommen die Ansprüche. Teuer bezahlte Ansprüche, wenn Sie mich fragen: Ein Lift mag praktisch sein, aber die Kosten sind enorm, und sie zahlen ihn, ob sie nun im zweiten oder im fünften Obergeschoss wohnen – und je größer die Wohneinheiten, um so teurer werden eigenartigerweise die Verwaltungskosten. Zwei Balkons? Völlig nutzlos. Eine Loggia ist wesentlich besser verwendbar als ein Balkon – aber zwei von drei Wohnungskäufern wollen einen Balkon und nichts anderes.

So anspruchsvoll sie sind, so gedankenlos sind sie auch, die Wohnungskäufer. Die Stadtwohnung ist zwar vielleicht etwas lauter, aber dafür zentral. Die Leute, die hier die Hügelchen bebaut haben, wissen, wovon ich rede: Kein Bäcker, kein Metzger, kein Arzt, kein Apotheker – vom Supermarkt ganz zu schweigen – und zur Bahnstation beträgt der Fußweg 30 Minuten. Wer Pech hat, der besichtigt ein Haus am Vormittag – und bemerkt erst nach dem Kauf, dass nur halbtags die Sonne scheint – dann verschwindet sie hinter dem Hügelchen.

Wo meine Wohnung ist? Genau zwischen der Innenstadt und der Schweizer Grenze. Sie ist ein Juwel der Baukunst um 1948 (wo die Baukunst ansonsten nicht gerade in Blüte war, wie Sie sich denken können) und liegt heute nur 2 Minuten von der S-Bahn-Station nach Basel – und ginge ich nicht demnächst nach Budapest – ich würde sie niemals verkaufen.

Nach einem Bericht von Journalismus-Online ist der Bremer Shopblogger Björn Harste erfolgreicher als die Web-Ausgabe des Weser-Kuriers (Bremens bedeutendste Tageszeitung). Etwa 7.000 bis 17.000 Begucker soll es täglich geben.

Interessant dabei ist, dass der Shopblogger nur über „Tüdelkram“ berichtet – die kleinen Freuden und Sorgen eines Einzelhändlers in Bremen-Neustadt nebst Umfeld. Nichtigkeiten fürs Herz, sozusagen - oder bereits die BILD-Zeitung für den anspruchslosen Blog-Konsumenten?

Wie schön, dass sie Ansichten haben. Aber haben sie auch genügend Licht?

 

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